Tag 10. Drei Fincas und ein Leitungsrat


Begonnen hat der Tag mit einem tollen Kuchenfrühstück (2 Stück Vanille und 1 Stück Mohrrübe - Pingo ist schließlich nicht der einzig Verfressene Kollege bei uns). Das Café gehört einer jungen Frau namens Nancy, sie röstet im Jahr ca. 220 kg und steht im engen Austausch mit skandinavischen / amerikanischen Röstern und Baristi.

Natürlich gab es auch Kaffee und nicht nur der Kuchen war großartig, sondern auch die Frenchpress.

Nach diesem üppigen "Fressen" holte uns Rodolfo ab und wir gingen auf Entdeckertour. Öffentliche Verkehrsmittel kommen nicht in Frage, die Hauptlinien in die grösseren Städte sind mit Bussen abgedeckt, für Besuche auf Kaffeefarmen gibt es nur Autos und Motorräder. Es gibt mittlerweile übrigens ein Gesetz in Marcala (ganz Honduras - bin ich mir nicht ganz sicher), das verbietet, dass mehr als eine Person auf einem Motorrad fährt. Grund dafür ist nicht Verkehrssicherheit, sondern die Absicht Mordaufträge per Motorrad auszuführen. Bei zwei Personen auf einem Motorrad, ist es recht einfach, dass der Beifahrer schießt, während der Fahrer das Tempo verringert. Ist der Fahrer alleine, ist die Treffsicherheit wesentlich geringer und die Fluchtchancen ebenso.

Hört sich furchtbar an, ist es meiner Meinung nach auch, aber damit beschäftigt sich die Justiz in Honduras wirklich. Ebenso Tatsache ist, das Handys in einer Stadt mit Gefängnis nur Show sind, da das Funknetz lahm gelegt ist, um Mordaufträge aus dem Knast zu erschweren.

Genug davon, zurück zum Thema Kaffee...

Zuerst haben wir "Don" Fabio besucht, er und seine Familie haben 5,5 ha. Er baut seit 3 Jahren organic an und produziert eigenen Dünger aus Pulpe, Kuh - und Hühnerdung. Ergänzt wird das ganze noch von mineralischen Produkten von COMSA. Im Verlauf der letzten Monate hat er 7000 Pflanzen ersetzt. Ein Setzling von COMSA kostet den Farmer (Don Fabio) 30 Centavos (ca. 0,11 €). Insgesamt hat Don Fabio 2100 lps investiert (773,90 €), besser gesagt, er hat zum Abbezahlen 3 Jahre Zeit, also bis zu dem Zeitpunkt an dem die "Kleinen" zum ersten Mal Kaffeekirschen produzieren.

Danach ging es weiter zur Finca "Las Brisas", hier haben die Tochter eines COMSA Gründungsmitgliedes und deren Schwiegermutter das Sagen. Die Schwiegermutter hat vor 1 Jahr auf organic umgestellt, das und die Roya haben die Produktion um 88 % verringert (konventionell 500 qq Kirschen, organic 60 qq Kirschen). Dieser Mengenverlust ist natürlich immens, aber die Motivation für organic ist gross. Die Erfolge sind auch sichtbar, die organischen Mittel zur Bekämpfung von Roya (Salzlösung) und Dünger wirken, bereits gering betroffene Pflanzen erholen sich, präventiv versorgte Kaffeesträucher bleiben verschont.

Küchenabfälle und Eierschalen (20 Pfund/ Monat!!! Das sind sage und schreibe ca. 1428 Eier / ca. 47 Eier pro Tag für 12 Leute!!!!) sind die Grundlage für den Dünger, Pulpe und Mineralien und Mikroorganismen (MyM) ergänzen das. Es gibt eine eigene Kaffeepflanzen-Nachzucht und einen tollen Gemüsegarten. Da alle guten Dinge bekanntlich 3 sind besuchten wir noch eine weitere Finca.

Die Fincas sind zwar häufig umzäunt, aber nicht auf jedem Quadratmeter steht das entsprechende Namensschild, so etwas kann manchmal zu lustigen Ereignissen führen....Rodolfo parkte das Auto am Strassenrand, wir kletterten über den Zaun, den Abhang hinab, mitten durch die Kaffeesträucher und immer dem leise wahrnehmbaren Stimmengewirr entgegen. Schließlich wurden wir fündig, eine Gruppe junger Frauen pflückte gerade wie wild und war ein wenig perplex als wir nach dem Besitzer Rolando fragten. Kurzerhand brüllte eine von ihnen einem Pedro etwas entgegen und Bewegung kam in das Ganze. Von rechts hallte uns ein lautstarkes "Chicas?" entgegen und ein junger Typ grinste uns an. Rodolfo fragte nach Rolando und nach kurzem Kopfschütteln war klar, falsche Finca.

Also wieder Abhang hinauf gekraxelt, mitten durch die Kaffeesträucher, ab auf die Straße. Der junge Typ begleitete uns und quatschte mit Rodolfo über die Ernte, zwischendurch fand er noch die Zeit und schrie einige Kaffeesträucher mit "Felipe" an. Zwar fühlte sich keiner der Sträucher angesprochen, aber kaum auf der Straße angekommen, kam uns ein weiter Mann entgegen, der sich als Felipe herausstellte und als Mann der Nichte von Rolando. Übrigens möchte ich an dieser Stelle mal sagen, genauso wie man sich an die Polizisten, Soldaten in der Stadt gewöhnen muss, so alltäglich sind Menschen mit Macheten auf dem Land. Selbst 4-5 jährige haben schon eigene...Ist wirklich vielfältig, Gräser mähen, Früchte abschlagen und zerteilen etc.. für Europäer aber etwas gewöhnungsbedürftig.

Dank Felipe als Scout fanden wir den richtigen Zaun und den richtigen (wenig steilen) Abhang der letztendlich in einem dünnbepflanzten Fichtenwald mit vielen Kaffeesträuchern mündete. Hier konnte ich endlich mal wieder selber pflücken, nach 10 Minuten hätte ich mit Rodolfos Hilfe jedoch gerade einmal 2 lps (0,07 €) verdient, erbärmlich. Die Kunst dabei ist jedoch, die Kirsche schnell zu pflücken und dabei den Kaffeestrauch nicht zu beschädigen, so dass die nächste Blüte wachsen kann. Felipe und seine Frau und ihr 16 jähriger Sohn sind jedenfalls wesentlich erfolgreicher. Felipe hat noch keine eigene Parzelle von der Finca seines Vaters bekommen und so arbeitet er bei dem Onkel seiner Frau mit. Pro Kopf und Tag verdient jeder der 3, 183 lps (6,74 €).

 

Im Anschluss fuhren wir zu Joselinda und ihrer Farm, hier war nämlich gerade der Leitungsrat der COMSA zu einer Sitzung zusammengekommen. 13 Personen bilden diesen Rat, an der Spitze der Präsident David, 5 Geschäftsführer und weitere Mitarbeiter. Um effizienter zu sein hat der Leitungsrat einen externen Berater engagiert, der hilft Projekte zu steuern und Arbeitsabläufe und Entscheidungsfindungen besser zu strukturieren bzw. durchzuführen. (Kommt mir irgendwie bekannt vor ;D)

So bekamen wir die tolle Chance "Quijote" und unser Rösternetzwerk und unsere "Mission" (direkter Import, Transparenz) vorzustellen.

Die Fragen die sich daraus ergaben waren sehr sehr spannend und das Gespräch locker und zum Teil sehr lustig. Unser "Honduras-Hörnchen" (Packungsaufkleber) kam übrigens super an. Dickes Danke an Andi! Ehre wem Ehre gebührt. Viele der mitgebrachten Aufkleber wurden umgehend auf die jeweiligen Notizbücher der Leitungsratmitglieder geklebt.

 

Nach ca. 1 Stunde rief Joselinda dann zum Essen, bei Bohnen, Käse, Reissuppe mit Huhn und leckerem Kokos-Limettensaft wurden dann Witze (Gerrit mußte echt viel übersetzen während er mampfte) erzählt und weiter geredet.

 

Danach schauten wir uns noch die Finca an, der Gemüsegarten, der Entpulper und die Fermentationsbecken sind in großartigem Zustand.

Die Kaffeepflanzen sind dagegen echt arm dran. Fast nur noch Skelette mit einzelnen Blättern, sie müssen wahrscheinlich fast alle Sträucher entfernen und neu Pflanzen, der Kaffeerost hat über 90 % der Sträucher befallen, wie schon anfangs gesagt, die Finca befindet sich auf 1040 m.

 

Am Abend waren wir dann noch kurz etwas essen und dann ab in die Kiste. Morgen ist Cupping (Kaffeeverkosten) abgesagt.