Brasilien 2023


Tag 2

Um 8:00 Uhr fand eine Veranstaltung zum internationalen Frauentag für alle Mitarbeiter*innen der COOPFAM (Verwaltung, Lager, Produktion, Management, etc) statt. Es gab einen Vortrag mit einem historischen Überblick über die Erkämpfung der Frauenrechte und der aktuellen  Situation (herrschende Lohnunterschieden und Machogehabe im Alltag und Beruf). Anschließend machten die Teilnehmerinnen eine dynamische Lesung über die schlimmsten chauvinistischen Männerphrasen, die sie im Laufe ihres Lebens im privaten Bereich, am Arbeitsplatz, in der Familie usw. erlebt hatten. Das Thema Gleichberechtigung wird bei der COOPFAM sehr ernst genommen, bis auf wenige Bereiche (Lager/Verarbeitungsanlage/Administration) ist das Verhältnis von Frauen und Männer 50:50. In den Führungspositionen gibt es mehr Frauen als Männer.

 

Nach einer kurzen Kaffeepause machte ich mich mit Renata (Abteilung Soziales und Umwelt) auf den Weg zur Farm von Rosângela und Luís Carlos, Gründer*innen und Hauptakteur*innen bei verschiedenen Bio- und Frauenprojekten der COOPFAM. Wir wurden von dem Ehepaar und ihrer Tochter Fernanda (einer von 3 Kinder) empfangen. Bei einer Tasse Kaffee erzählt uns Luís Carlos, wie die Kooperative entstand und was die Gruppe motiviert hatte, sich zu organisieren:

In den 80er Jahren war die Region von großer Armut geprägt, Strom gab es nicht und auch Autos waren Mangelware. Auch die Produktivität war gering, da es kein Wissen über effiziente Anbaumethoden und kein Geld für landwirtschaftliche Betriebsmittel gab.

Die kleinen Kaffeeproduzent*innen waren bei der Vermarktung völlig von Zwischenhändler*innen abhängig und erhielten sehr wenig Geld, da sie auch keinen Einfluss auf die Preispolitik hatte. Bei einem Treffen von Bäuer*innen aus der Region entstand die Idee, sich als Gruppe zu organisieren, um sich besser über Bewirtschaftungsformen auszutauschen und den Kaffee gemeinsam zu vermarkten. Unterstützt wurden sie dabei von der Pastoral da Terra, einer Bewegung der katholischen Kirche in Brasilien, die ab 1975, also während der Militärdiktatur, aktiv war. Diese Organisation kämpfte für Verbesserung der Lebensbedingungen von Indigenen und Landarbeiter*innen (vor allem im Amazonasgebiet), die im Konflikt mit den von der Militärdiktatur unterstützten Großgrundbesitzer*innen und Agrarunternehmen standen. Bis 1992 agierten sie informell als Gruppe und ließen sich dann als Verein registrieren. Seit 2003 sind sie offiziell auch eine Kooperative. Zu Beginn waren es etwa 13 Mitglieder, 2003 dann um die 40, mittlerweile sind es fast 500.

Luís und Rosângela selbst arbeiten seit 1990 ohne den Einsatz von Agrotoxika oder industrialisierten Pestiziden und engagieren sich gegen die Verwendung von gentechnisch veränderten Arten, gegen die Verwendung von Monsanto-Saatgut und ähnlichen Praktiken.

 

Ein weiterer interessanter Punkt des Besuchs war die Frage, warum sich die Region anders entwickelt hat als viele andere ländliche Regionen Brasiliens und warum es so viele kleine und mittlere Erzeuger*innen gibt: 

Luís erklärte, dass einer der Gründe dafür die Geografie der Region sei, die es unmöglich macht, mit schweren Maschinen zu arbeiten. Die Großgrundbesitzer*innen haben sich in flacheren Regionen angesiedelt, wo die Arbeitskosten durch den Einsatz großer Landmaschinen reduziert werden können. Ein weiterer Faktor, der zu der großen Zahl von Kleinbäuer*innen beigetragen habe, sei das, was als natürliche Agrarreform bezeichnet wird (ähnliche Geschichten habe ich auch von anderen Bauern gehört):

Das Viertel, in dem sich ihr Sítio befindet, trägt den Namen von Antonio Cardoso. Antonio Cardoso war in den 1920er Jahren der Besitzer der gesamten Region. Teile seines Besitzes wurden im Laufe der Jahre verkauft oder unter Verwandten aufgeteilt, so dass heute, 100 Jahre später, aus dem Hof 80 verschiedene Grundstücke entstanden sind.

Ein positiver Aspekt dieser Entwicklung ist die zunehmende Vielfalt der Anbaukulturen, da die Familienbetriebe in der Regel eine größere Diversifizierung aufweisen als die Großbetriebe.

 

Anschließend wanderten wir (Renata, Rosângela, Luís und ich) zum Sítio hinauf. Rosângela und Luís erzählten viel über die Erfahrungen für den Bioanbau, die sie über die Jahre gelernt haben. Zu Beginn gab es kaum Informationen dazu, keine Hilfe von Agronom*innen und sie selbst hatten nur eine geringe formale Schulbildung. (Auch dies ist hier typisch: Die Elterngeneration hat meist höchstens nur die Schule absolviert, die Generation danach, also die heute 25-30-Jährigen gingen häufig zu Universitäten und studierten dort v.a. auch Agronomie)

Die Produzent*innen, die seit mehr als 20 Jahren mit dem Bioanbau wirtschaften haben ein sehr beeindruckendes Wissen über die Natur und die Komplexität der Beziehungen zwischen den Pflanzen. Viele der Methoden und der verwendeten Biodünger wurden selbst entwickelt. Mittlerweile gibt es viele Methoden zur Herstellung von natürlichen Fungiziden (Bacillus subtilis),für den Schutz gegen Frost, Insekten und Dürre (Água de Vidro) usw. 

Luís und Rosângela nutzen Bäume für die Schattenspende. Jackbohnen und andere Hülsenfrüchte werden für die Stickstofffixierung kultiviert und als Biomasse verwendet, wenn sie abgeholzt werden.

Der Schattenanbau hat für vielen Produzent*innen positivie Effekte gebracht, insbesondere angesichts des Klimawandels, auch wenn dieses Bewusstsein noch nicht bei allen Produzent*innen und Agronom*innen vorhanden ist.

Nach dem Besuch des Sítios gab es ein tolles Mittagessen, das Fernanda für uns zubereitet hatte: Reis und Bohnen (selbst angebaut in großer Menge), Wurst mit Maniok, Gemüsekohl, Hähnchen, Salat mit Tomaten (auch von hier) und Guacamole. Zum Nachtisch gab es Rapadura und Curau de milhos (Maispudding).

 

Alle drei Kinder von Rosângela und Luís haben studiert und wollen in der Region bleiben, um Landwirtschaft zu betreiben. Fernanda ist zum Beispiel Agronomin und Teil der Jugendgruppe der Kooperative. Die 2 letzten Jahre ihrer Schulzeit verbrachte sie in einer besonderen staatlichen Schule, der EFA (Escola Família Agrícola. Dort absolvieren die Schüler*innen einerseits den klassischen Lehrplan, daneben gibt es aber auch einen großen Fokus auf Theorie und Praxis in der Agronomie und Ökologie. Außerdem sind die Schüler*innen selbst verantwortlich für die Alltagsaufgaben wie Kochen und Gartenpflege. Sie machen regelmässige Besuche bei landwirtschaftlichen Betriebe (Von industriellen Großbetrieben bis zu kleinen Familienbetrieben). Nach den 2 Jahren haben die Schüler*innen dann neben dem regulärem Schulabschluss zusätzlich einen technische Ausbildungsabschluss. Dies war sehr interessant für mich, da Leute, die in einer Großstadt aufwachsen, diese Art der Schule gar nicht kennen.

Anschließend verabschiedeten wir uns und Renata und ich fahren zurück nach Poço Fundo.