Zwischen Latte Art und Existenzangst
Die unsichtbaren Arbeitsbedingungen in der Kaffeegastronomie
Der Duft von frisch gemahlenen korrekt gehandelten Bohnen, sorgfältig zubereitete Getränke aus hochwertigen Zutaten und das Gefühl von „Third Place“ zwischen Zuhause und Arbeit – Cafés gelten als Orte der Entschleunigung, Kreativität und Begegnung. Gerade in Städten sind sie zu kulturellen Treffpunkten geworden, besonders in urbanen, jungen Milieus. Doch hinter der ästhetischen Oberfläche der Kaffeegastronomie verbirgt sich eine Arbeitsrealität, die mit dieser Wohlfühlatmosphäre kaum etwas zu tun hat. Für viele Baristas, Servicekräfte und Cafémanager:innen bedeutet der Alltag nicht Genuss, sondern Unsicherheit, körperliche Belastung und strukturelle Ausbeutung ihrer Arbeit.
Die Probleme sind nicht neu, aber sie werden aktuell aufgrund des Auftauchens neuer Player wie LAP oder Cotti wieder häufiger thematisiert: Personalmangel, hohe Fluktuation und ausgebrannte Beschäftigte sind in vielen Cafés Normalzustand. Die Branche steckt in einer paradoxen Situation: Während der Konsum von hochwertigem, oft teurem Spezialitätenkaffee weiterwächst und Investoren anlockt, bleiben die Arbeitsbedingungen der Menschen, die diesen Kaffee zubereiten und servieren, prekär.
Niedrige Löhne und unsichere Einkommen
Eines der zentralen Probleme in der Kaffeegastronomie ist die
Bezahlung. In weiten Teilen der Branche liegen die Löhne nur beim
oder knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn. Selbst in Cafés, die
hochwertige Produkte verkaufen und sich als „Premium“
positionieren, werden Baristas meist nicht besser bezahlt als in
Fast-Food-Ketten oder Bäckereien.
Trinkgeld wird als informeller Lohnausgleich wahrgenommen.
Offiziell ist es ein freiwilliges Extra der Gäste, praktisch ist
es für viele Beschäftigte ein notwendiger Bestandteil ihres
Einkommens. Doch Trinkgeld ist unsicher, schwankend und stark von
Lage, Kundschaft und Tageszeit abhängig. In gut besuchten
Innenstadtcafés macht es einen relevanten Unterschied, in
kleineren Läden oder in weniger frequentierten Zeiten fällt es oft
kaum ins Gewicht. Diese Abhängigkeit verstärkt soziale
Ungleichheiten innerhalb der Branche.
Hinzu kommt, dass Zuschläge für Wochenendarbeit, Abende oder
Feiertage häufig fehlen oder minimal sind. Gerade in einer
Branche, die stark von Wochenend- und Freizeitkonsum lebt,
empfinden das viele als Ungerechtigkeit. Während andere
Berufsgruppen für diese Zeiten mehr Geld erhalten, gelten sie in
der Gastronomie als selbstverständlich.
Auch die Lohntransparenz ist gering. In vielen Betrieben ist nicht
klar geregelt, wie sich der Lohn zusammensetzt, welche Erhöhungen
möglich sind oder welche Kriterien für mehr Gehalt gelten. Das
fördert Willkür und erschwert kollektive Verhandlungen. Die Folge
all dessen ist eine hohe Fluktuation: Viele verlassen die Branche
nach kurzer Zeit, weil sie mit den Einkünften langfristig weder
Miete, Familie noch Altersvorsorge finanzieren können. Der
chronische Personalmangel, über den Cafébetreiber:innen klagen,
ist somit kein Zufall, sondern ein direktes Ergebnis dieser
Strukturen.
Prekäre Beschäftigungsverhältnisse
Eng verbunden mit den niedrigen Löhnen sind die prekären
Arbeitsverhältnisse, die in der Gastronomie weit verbreitet sind.
Minijobs, befristete Teilzeitstellen und kurzfristige Verträge
dominieren. Für viele Beschäftigte bedeutet das ein Leben in
dauerhafter Unsicherheit. Wöchentlich schwankende Stundenpläne,
fehlende Planungssicherheit und das ständige Risiko, Schichten zu
verlieren, machen eine stabile Lebensführung noch schwieriger.
Besonders problematisch ist die kurzfristige Einsatzplanung. In
vielen Cafés werden Dienstpläne nur wenige Tage im Voraus erstellt
oder kurzfristig geändert. Beschäftigte sollen flexibel verfügbar
sein, ihre eigenen Bedürfnisse – Kinderbetreuung, andere Jobs,
Studium oder Erholung – treten dabei oft in den Hintergrund. Diese
Form der „Just-in-Time“-Arbeitsorganisation verlagert
unternehmerisches Risiko auf die Beschäftigten.
Ein weiteres, oft übersehenes Problem ist die
Scheinselbständigkeit für viele etwas höher qualifizierte
Kolleg:innen. In der Spezialitätenkaffee-Szene arbeiten sie häufig
als Trainer:innen, Messe-Personal oder Latte-Art-Coaches formal
als Selbständige, obwohl sie de facto in betriebliche Abläufe
eingebunden sind. Sie tragen das volle unternehmerische Risiko,
haben aber kaum echte Autonomie. Sozialversicherung,
Krankheitstage oder Urlaub sind in solchen Konstruktionen oft
nicht abgesichert.
Hoher Arbeitsdruck und körperliche Belastung
Der Alltag hinter der Kaffeetheke ist körperlich und psychisch
anstrengender, als viele Gäste vermuten. In den vielen
unterbesetzten Schichten müssen wenige Personen gleichzeitig
Getränke zubereiten, kassieren, Speisen ausgeben, abräumen und
putzen. Besonders in den Rush Hours – morgens vor der Arbeit,
mittags oder am Wochenende – herrscht enormer Zeitdruck. Fehler
werden nicht verziehen, Wartezeiten führen schnell zu
unzufriedenen Gästen.
Die Arbeit ist zudem körperlich belastend: stundenlanges Stehen,
monotone Bewegungen wie Milchaufschäumen oder Siebträger bedienen,
Servieren oder Spülen. Langfristig führt das häufig zu Rücken-,
Schulter- und Handgelenksproblemen.
Pausen sind oft Mangelware. Gerade in inhabergeführten Cafés ohne
große Personaldecke bleibt im stressigen Betrieb kaum Zeit, sich
wirklich zu erholen. Gesetzlich vorgeschriebene Pausen werden
verkürzt, verschoben oder informell „nebenbei“ genommen. Das
erhöht das Risiko von Erschöpfung und Fehlern – was wiederum den
Stress weiter verstärkt.
Unbezahlte Schichten
In der Café-Gastronomie lebt das Geschäft von Qualität, Atmosphäre
und reibungslosen Abläufen – doch hinter dem Tresen beginnt die
Arbeit oft lange bevor die ersten Gäste kommen und endet erst,
wenn alles wieder glänzt. Ein erheblicher Teil dieser Vor- und
Nachbereitung bleibt jedoch in vielen Betrieben unbezahlt und wird
stillschweigend erwartet.
Gerade in Cafés beginnen unbezahlte Schichten oft lange vor der
ersten Bestellung: Siebträger werden eingemessen, Milch
aufgefüllt, Vitrinen bestückt und Kuchen angerichtet – ohne dass
diese Zeit auf dem Stundenzettel erscheint. Nach Ladenschluss
folgen Reinigung der Maschine, Kassensturz, Aufräumen des
Gastraums und Müllentsorgung, ebenfalls häufig „inoffiziell“. So
werden essenzielle Arbeitsstunden systematisch unsichtbar gemacht
– und die wirtschaftliche Effizienz des Betriebs auf Kosten der
Baristas und Servicekräfte erkauft.
Rechtlich gilt jedoch klar: Jede angeordnete oder
betriebsnotwendige Tätigkeit ist vergütungspflichtige Arbeitszeit.
Vorbereitungs- und Aufräumarbeiten dürfen daher weder pauschal
vorausgesetzt noch unbezahlt eingefordert werden – auch nicht in
der Café-Gastronomie.
Fehlende Qualifizierung und Entwicklungsperspektiven
Obwohl die Zubereitung von hochwertigem Kaffee Fachwissen,
Präzision und Erfahrung erfordert, wird Barista-Arbeit in
Deutschland häufig als ungelernte Tätigkeit behandelt. Es gibt
kaum standardisierte Ausbildungen, und strukturierte
Einarbeitungen sind in vielen Betrieben nicht vorgesehen. Neues
Personal lernt „on the job“, oft nebenbei und unter Zeitdruck.
Gleichzeitig wird Wissen erwartet: über Bohnenherkunft,
Röstprofile, Varietäten, Extraktion, Mühlenkalibrierung, Milch und
Sensorik. Dieses Wissen wird aber selten bezahlt oder anerkannt.
Wer sich fortbildet, tut das meist in der Freizeit und auf eigene
Kosten. Aufstiegsmöglichkeiten sind begrenzt: Die Hierarchien in
Cafés sind flach, und Positionen wie „Head Barista“ oder „Store
Manager:in“ sind rar, mit zusätzlichem Einsatz und Verantwortung
verbunden und ebenfalls schlecht bezahlt.
Das Ergebnis ist ein System, in dem Kompetenz zwar benötigt, aber
strukturell entwertet wird. Langfristige Karrieren in der
Kaffeegastronomie sind unplanbar, was wiederum zur Abwanderung
qualifizierter Kräfte beiträgt.
Geringe Wertschätzung und Machtasymmetrien
Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Servicearbeit spielt eine
zentrale Rolle. In der Kaffeegastronomie dominiert häufig eine
„Customer is always right“-Mentalität, die die Beschäftigten
strukturell in eine untergeordnete Position bringt.
Grenzüberschreitungen durch Gäste – von respektlosem Ton bis hin
zu sexistischer oder rassistischer Belästigung – sind keine
Seltenheit. Viele fühlen sich gezwungen, solche Situationen zu
ertragen, weil sie vom Trinkgeld oder von positiven Bewertungen
abhängig sind.
Auch innerhalb der Betriebe bestehen Machtasymmetrien. Wer die
Schichtpläne schreibt, entscheidet über Einkommen und Freizeit der
Beschäftigten. Wer Trinkgeld verteilt oder Boni vergibt, hat
großen Einfluss auf deren finanzielle Situation. Gleichzeitig gibt
es in der Branche kaum betriebliche Mitbestimmung. Betriebsräte
sind selten, Tarifverträge unüblich, gewerkschaftliche
Organisation zwischen nicht vorhanden und gering.
Das schafft ein Klima, in dem Beschäftigte ihre Rechte oft nicht
einfordern oder Missstände nicht ansprechen – aus Angst, weniger
Schichten zu bekommen oder den Job zu verlieren.
Der Widerspruch zwischen Produktethik und Arbeitsrealität
Besonders paradox ist der Gegensatz zwischen der ethischen
Selbstinszenierung vieler Cafés und der Realität hinter der Theke.
Nachhaltiger Anbau, Direct Trade, faire Preise für
Kaffeebäuer:innen, ökologische Verpackungen – all das gehört zum
selbstverständlichen Vokabular des Marketings moderner
Kaffeekultur. Doch gleichzeitig bleiben die Arbeitsbedingungen der
Menschen, die den Kaffee hierzulande zubereiten, oft prekär.
Das ist nicht nur ein moralisches, sondern auch ein strukturelles
Glaubwürdigkeitsproblem. Eine Branche, die sich mit Fairness und
Nachhaltigkeit schmückt, kann diese Werte nicht glaubhaft
vertreten, wenn sie sie im eigenen Betrieb nicht umsetzt. Fairness
endet nicht am Ursprungshafen oder in der Rösterei – sie müsste
auch an der Espressomaschine gelten.
Warum sich etwas ändern muss
Die Probleme der Arbeitsbedingungen in der Kaffeegastronomie
sind kein individuelles Versagen einzelner Betreiber:innen,
sondern das Ergebnis eines Systems, das auf niedrige Preise, hohe
Flexibilität und unsichtbare Arbeit setzt. Doch dieses System ist
nicht nachhaltig. Der zunehmende Fachkräftemangel, die wachsende
Unzufriedenheit der Beschäftigten, Konkurrenz durch neue
investorengesteuerte Ketten und die steigenden Ansprüche der
Kund:innen machen deutlich, dass ein Umdenken nötig ist.
Bessere Löhne, verlässlichere Arbeitszeiten, echte Qualifizierung
und mehr Mitbestimmung sind keine Luxusforderungen, sondern
Voraussetzungen für eine stabile, professionelle Branche. Wenn
Cafés langfristig bestehen wollen, müssen sie ihre wichtigste
Ressource ernst nehmen: die Menschen, die Tag für Tag den Kaffee
zubereiten. Die Zukunft der Kaffeegastronomie entscheidet sich
nicht nur an der Qualität des Kaffees, sondern auch an der
Qualität der Arbeit. Solange hinter perfekter Latte Art
Existenzangst und Erschöpfung stehen, bleibt der Genuss für viele
bitter.