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Reisebericht - Pingo in Ecuador Tag 1-3

Inhaltsverzeichnis

Reisebericht - Pingo in Ecuador 2026


"Ich bin mal wieder in Ecuador. Ziel meiner Reise ist es, im Andenhochland im Süden des Landes die Arabicakooperativen ACRIM, APECAP, PROCAFEQ und PROCAP von FAPECAFES zu besuchen und im Amazonasregenwald die Kooperativen Waylla Kuri und Jatari. Also recht viel Programm für 14 Tage.

Das letzte Mal vor Ort war ich vor mittlerweile fast zwei Jahren. Ich habe die Reise immer weiter vor mir hergeschoben, weil ich einfach keine Lust hatte. Weil mich die Reisen sehr anstrengen und trotz der guten Arbeit unserer Partnerkooperativen zutiefst deprimieren. Vielleicht auch, weil ich nicht mehr der Jüngste bin und mittlerweile 20 bis 25 mal Ecuador besucht habe. Die politische und die gesellschaftliche Entwicklung Ecuadors in den letzten Jahren stehen beispielhaft für das, was mich an dieser Welt zutiefst frustriert und traurig macht. Große Teile des Landes stehen mittlerweile unter Kontrolle von unfassbar brutalen Drogenkartellen. Der gewählte Präsident des Landes ist der Sohn des reichsten Mannes Ecuadors. Er vertritt meiner Meinung nach ausschließlich die Interessen der reichsten Menschen des Landes. Dieser Reichtum basiert auf Ausbeutung in der Landwirtschaft und auf Ausbeutung im Bergbau. Und das wird immer schlimmer. Und damit komme ich schon zum zweiten Grund, weswegen die Reisen nach Ecuador für mich zuletzt sehr belastend waren. Die hohen Goldpreise und die korrupte Politik sorgen für einen nie gesehenen Goldrausch. Die dadurch hervorgerufenen ökologischen Zerstörungen, insbesondere um Fluss- und Bachläufe sind ein Albtraum. Ganze Gegenden mit paradiesischen Landschaften, die ich noch vor einigen Jahren bewundert habe, sind dabei mittlerweile großflächig den Baggern zum Opfer gefallen und sehen aus wie der Mond nach einem vernichtenden Atomschlag. Sämtliches Leben ist ausgelöscht. Außerdem werden entgegen dem durch Referenden eigentlich verbindlichen Willen der Bevölkerung durch die korrupte Politik großflächig weitere Konzessionen für den Abbau von Erdöl und Kupfer vergeben. Die Motivation für diese meine Reise nach Ecuador sind selbstverständlich nach wie vor die Menschen, die auf sozial und ökologisch nachhaltige Weise Kaffee anbauen und ihre solidarischen Organisationsmodelle der Kooperativen. Insbesondere die Selbstorganisation der Bevölkerung des Pueblo Kichwa de Rukullakta (PKR) ist für mich ein zukunftsweisendes  und wunderschönes Beispiel. Daher liegt der Schwerpunkt meiner diesjährigen Reise eindeutig beim Besuch unserer Partnerkooperative Waylla Kuri, in der sich die kaffeeproduzierenden Kichwa aus Rukullakta organisiert haben. Der Kaffee wird hier in einer Art Permakultur angebaut. Das geschieht in traditionellen Waldgärten, den sogenannten Chakras. Wirklich besonders im PKR-Gebiet ist, dass die bewirtschafteten Böden nicht Privatbesitz sind, sondern dem Volk der Region gehören. Sie werden den Familien nur zur Nutzung überlassen. Dementsprechend sorgsam muss mit dem Boden auch umgegangen werden. Er soll den nächsten Generationen in gleicher Qualität zur Verfügung stehen. Neben diesen vorbildlich landwirtschaftlich genutzten Flächen stehe dreiviertel der Fläche des autonomen Gebietes der PKR unter selbstorganisiertem Naturschutz. Auf meine Anwesenheit dort freue ich mich tatsächlich.

Anreise und Tag 1

Gestern bin ich völlig unspektakulär mit Iberia von Hamburg über Madrid nach Quito geflogen. Ich übernachtete in Flughafennähe in einem einfachen Hostal. Nun geht es gleich um 4.30 Uhr morgens mit dem Bus zurück zum Flughafen. Von dort geht es mit einem Regionalflugzeug ins südliche Andenhochland nach Loja und für drei Tage die Arabica Kooperativen zu besuchen. Ziel ist es, die Kontakte zu halten, die Ernteaussichten zu besprechen, Erwartungen, abzugleichen.


Tag 2

Wiederaufbau und Hoffnung

Pünktlich um 4:30 Uhr kam der Shuttleservice und brachte mich zum Flughafen. Die halbwegs gut in Schuss gehaltenen und deutlich über 30 Jahre alten Boing 737-500 von der neuen nationalen Fluggesellschaft Aeroregional bedienen hier die Linie von Quito nach Loja. Die Flugroute ist wirklich spektakulär, da sie über sehr viele Andenvulkane fliegt und der Anflug auf dem Ziel Flughafen durch enge Gebirgstäler führt. Am Flughafen von Loja erwarteten mich schon Lukas von der Avenir Rösterei und Ramiro, der Manager von der Kooperative PROCAFEQ. Lukas wird mich auf der gesamten Reise begleiten und war schon 5 Tage bei unserer Partnerkooperative PROCAP zu Besuch. Zwei Jahre nach der Katastrophe Unser erster Weg führte uns sofort zur Finca von Don Victor, den Produzenten, der bei dem Waldbrand 2024 alles verloren hatte. Ich war während der Katastrophe vor Ort und wir hatten eine Solidaritätskampagne gestartet, bei der wir damals über 15.000 Dollar eingesammelt und gespendet haben. Begleitet wurden wir heute von Cecilia, der Buchhalterin von der Kooperative und Don Victor. Victors Verarbeitungsstation ist mittlerweile neu aufgebaut und auch neue Trockenzelte wurden gerade installiert. Ein neues Bewässerungssystem ebenso. Ein bisher seit Jahrzehnten brachliegendes Stück Weideland von Victor wurde mit unserer Hilfe aufgeforstet und mit mittlerweile 6000 neuen Kaffeepflanzen der Varietäten Typica- Mejorada, Sidra und Geisha bepflanzt. Dieser Erfolg unserer gemeinsamen Anstrengung und der Solidarität so vieler unserer Freund:innen hat hier vielen Leuten Mut gemacht und ein gutes Beispiel gegeben. Ein gutes Beispiel, dass es sich lohnt, sich zu organisieren und auch in Krisen zusammenzuhalten. Ich persönlich freue mich darüber hinaus sehr auf die erste Ernte in zwei Jahren. Don Victor hat versprochen, dass der Kaffee dann für uns ist.

Alte hohe Bäume und ihre Auswirkungen auf Kaffee

Nach einem wirklich guten Mittagessen in San Antonio de las Aradas fuhren wir zur Finca von Don Hector, einem weiteren Urgestein der Kooperative. Hector ist mittlerweile 80 Jahre alt und baut seit über 68 Jahren auf seiner Finca Kaffee an. Auf vier Hektar hat er über 15.000 sehr gesunde Kaffeepflanzen stehen. Mit über 80 Säcken jährlich ist er der Produzent mit der regelmäßig größten eingebrachten Menge Kaffee der Kooperative.

Ich hatte Hectors Finca noch nie besucht und war sehr beeindruckt. Da ist zu sehen, was für einen positiven Einfluss alte und hohe Bäume auf die Beschaffenheit des Erdreichs und des Schattenwurfes auf die Kaffeebüsche haben. Auf seiner Fläche stehen ausschließlich deutlich über 50 Jahre alte Bäume verschiedenster Arten. Durch ihr Alter und ihre eindrucksvolle Höhe spenden sie sehr diffusen Schatten. Diese Vorteile sind Hector mittlerweile sehr bewusst. Ursprünglich ließ er sie aber aus Liebe zur Natur und zu Erhaltung des Lebensraumes der von ihm besonders geliebten Hörnchen und Vögel stehen.
Hectors Kaffeepflanzen sind durch die gesunde Umgebung und gute Düngung sehr gut ernährt und haben fast keine sichtbaren Krankheiten. Außerdem bringen sie einen weit überdurchschnittlichen Ertrag. Das ist bei einem Kaffeefeld, das bereits seit über 60 Jahren produziert wirklich außergewöhnlich. Auch Hector hat neue und sensorisch potenziell sehr hochwertige Varietäten gepflanzt, die teilweise schon dieses Jahr produzieren werden.
Positiv zu erwähnen sind die guten Ernteaussichten der gesamten Region für dieses Jahr. Die Pflanzen aller bisher von uns besuchten Fincas haben sehr gute Erträge und gesunde Pflanzen.


Mangel an anderer Stelle

Deutlich wurde während der heutigen Besuche, dass sich ein bisher schon gravierendes Problem noch weiter verschärft hat. Die Verfügbarkeit von Arbeitskräften während der Haupterntezeit ist definitiv nicht mehr gesichert. Ein Großteil der jungen Landbevölkerung hat aus Perspektivlosigkeit das Land verlassen und lebt in der Migration. Arbeitskräfte aus dem noch ärmeren Nachbarland Peru arbeiten mittlerweile lieber im hier fast überall präsenten zerstörerischen Raubbau von Gold. Dabei lässt sich das Doppelte verdienen als in der Landwirtschaft. Schöner Abschluss des Tages Abends nahmen Lukas und ich noch ein erfrischendes Bad im Swimmingpool unserer wirklich schönen Stamm-Unterkunft, den privaten Mini-Hostal Estancia Jaramillo am Rande des bezaubernden Dorfes Quilanga. Danach besuchten wir noch die sehr engagierte Mikrorösterei Kawsana, die hier wirklich gute Kaffees von Produzent:innen des Dorfes röstet und lokal vermarktet und aßen ein leckeres Eis in der berühmten Eisdiele von Quilanga.

Tag 3 

Wiedersehen macht glücklich

Lukas und ich begannen unseren Tag mit einem ausgiebigen Bad im Pool und einem sehr leckeren Frühstück bei Yessica la Boliviana, der guten Seele des Dorfes. Yessica servierte uns in ihrer Bar einen riesigen Obstsalat mit Müsli, Joghurt, einer Tostada, Omelette mit Speck, frisch gepresstem Saft und Kaffee. Dermaßen abgefüllt machen wir uns auf dem Weg in die Region Espindola, wo wir die Basisgruppe der Subregion El Airo treffen wollen. Neben Ramiro begleiteten uns noch Luis Eduardo, der Manager von FAPECAFES sowie Victor. In El Airo angekommen wurden wir im lokalen Verwaltungszentrum der Kooperative von Don Valentin und 23 weiteren Mitgliedern in Empfang genommen. Dieser Empfang fiel äußerst herzlich aus, da ich vor vier Jahren bereits ein erstes Mal hier gewesen war. Es waren fast alle Mitglieder der Region anwesend. Und sie freuten sich offensichtlich auch richtig auf meinen Besuch. Es schien so, als ob ich beim letzten Mal einen guten Eindruck hinterlassen hatte und dass das solidarische und egalitäre Konzept unseres Kollektives Quijote Kaffee den Idealen der Leute hier vor Ort sehr entspricht. Außerdem hatte sich herumgesprochen, wie unbürokratisch, schnell und solidarisch Quijote Kaffee vor zwei Jahren Hilfe für die Betroffenen des Waldbrandes organisiert hat. Zentrales Thema der Versammlung war, was für Maßnahmen ergriffen werden können, um die Qualität des Kaffees weiter zu steigern und unsere Zusammenarbeit so weiter zu vertiefen. Als zentrales Projekt besprachen wir eine Verbesserung der Trocknung des Kaffees nach der Ernte. Auf der fast zweistündigen Versammlung tauschten wir uns auch über unsere Wünsche und Erwartungen an unsere weitere Zusammenarbeit aus. Diese Art von Treffen gefallen mir sehr gut, weil meist sehr offen gesprochen wird und Fragen beidseitig sehr ehrlich beantwortet werden. Nach Abschluss des Treffens wurde uns ein sehr umfangreiches leckeres Essen aus selbst produzierten Zutaten serviert. Und wir teilten uns zwei Flaschen selbstgebrannten Zuckerrohr-Schnaps. Dadurch würde die Stimmung noch lockerer und es wurden noch etliche persönliche Dinge angesprochen, die sonst nicht auf den Tisch gekommen wären. Auch das freut mich sehr, da es beweist, wie sehr unsere Beziehung hier auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Der Zusammenhalt und das offensichtlich sehr starke Gemeinschaftsgefühl der Gruppe hier sind beeindruckend. Auch der Wunsch nach umweltgerechter Produktion des Kaffees wurde sehr glaubhaft erklärt. Die Natur in diesem Teil Ecuadors ist noch relativ intakt. Es ist der klare Wunsch der Kaffeeproduzent:innen, dass das so bleibt. Dementsprechend sorgsam gehen sie mit ihren Feldern um und möchten, dass der Kaffeeanbau die Natur fördert und ihr nichts entnimmt. Das Problem ist: in unmittelbarer Nähe wird wahrscheinlich demnächst von der ecuadorianischen Regierung die Konzession für die Ausbeutung eines angenommenen riesigen Goldvorkommens an ein chinesisch- kanadisches Bergbaukonsortium vergeben. Dadurch würde das Wasser des hier lebensnotwendigen Flusses dermaßen verseucht werden, dass ein Leben wie bisher in diesem Tal nicht mehr möglich wäre. Nach einer langen und persönlichen Abschiedsrunde von allen mittlerweile 28 anwesenden Mitgliedern verzichteten wir auf Farmbesuche, da es in Strömen regnete. Auf dem Rückweg verabschiedeten wir uns in San Antonio de las Aradas sehr emotional von Victor. Mit ihm habe ich einen Freund fürs Leben gefunden. Zurück in Quilanga trafen wir uns mit Ramiro noch einmal bei Yessica und besprachen unser Fazit der letzten beiden Tage bei frittierter Yucca, Guacamole und mexikanischen Tortillas. Morgen geht es sehr früh nach Catamayo, wo wir uns dann mit Abgeordneten aller 4 Partnerkooperativen aus dem Süden Ecuadors treffen werden.

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