Kaffee ist nicht gleich Kaffee - Kaffee ist so viel mehr!
Besuch aus Honduras in Hamburg
Der Frühling hat gerade erst vor wenigen Tagen offiziell begonnen.
In Hamburg genügt heute ein Blick aus dem Fenster oder besser noch ein Spaziergang um das zu merken: Die Vögel zwitschern, Krokus, Schneeglöckchen und Co. wagen sich heraus und sind leuchtende Vorboten im noch kargen Hamburg.
Alle die zu Beginn des Jahres in Hamburg waren, können sich bestimmt noch gut erinnern: Im Januar gab es in Hamburg (endlich mal wieder) Schnee, Eis und echten Winter. Genau diesen Zeitpunkt hat sich einer unserer Freunde aus Honduras ausgesucht, um erstmalig mit seiner Frau nach Deutschland zu reisen.
Beide sind keine jungen Hüpfer mehr und doch wirken beide bei jeder Begegnung jugendlich auf mich: neugierig, lachend, unendlich herzlich - dass sind Don Dagoberto und seine Frau Mauren.
Ihre Tochter studiert seit einigen Jahren Medizin in Paderborn.
Die Finca „Zarabanda“ von Don Dagoberto und seiner Familie ist recht groß und hat eine spannende und gleichzeitig sagenhafte Geschichte. Dazu an anderer, späterer Stelle mehr.
Don Dagoberto ist der einzige Produzent von unserem gemeinsamen Kaffee-Natural-Projekt mit COMSA in Honduras der auf der Pazifikseite der Region wohnt.
Die Entscheidung für eine gemeinsame Zusammenarbeit mit Don ihm fiel, nachdem unser Kollege und langjähriger Berater Gerrit Höllmann von „Guancasco Import“ ihn auf einer Reise 2020 kennengelernt hat.
Wir haben als Quijote bereits seit 2015 ein gemeinsames Kaffee-Projekt mit COMSA: Die Aufbereitung von Kaffee als Kaffee-Natural in Spezialitätenqualität.
Im Laufe der Jahre gab es viele Varianten in der Zusammenarbeit in diesem Projekt. Seit einigen Jahren arbeiten wir bei Quijote mit insgesamt 10 Produzierenden sehr eng zusammen für Kaffee-Natural. Und seit der Ernte 2021 ist Don Dagoberto und seine Familie ein wichtiger Partner für Quijote.
Kleiner fachlicher Kaffee-Ausflug bzgl. Aufbereitung "Kaffee Natural"
Kleiner fachlicher Kaffee-Ausflug bzgl. Aufbereitung "Kaffee Natural"
Bei der Natural Aufbereitung verbleiben die Kaffee-Kirschen bis zur „idealen“ Reife an der Kaffeepflanze. Die Kirschen müssen sorgfältig geerntet, besonders umsichtig transportiert, aufwändig getrocknet und umsichtig gelagert werden. Die Kaffeekirschen sind ein wenig vergleichbar mit unseren Kirschen wie wir sie kennen. Die Haut der frischgeernteten Frucht ist nach der Ernte sehr sensibel. Ein Pfund gekaufte Süß-Kirschen in einer Einkauftasche mit einer Packung Milch, Saft und weiteren Dingen neigt zu Druckstellen und „Kirsch-Matsch“, wenn die Tasche nicht umsichtig gepackt ist. Diese Fragilität gilt auch für Kaffeekirschen, die in Säcken von 30-50 kg gestapelt und auf Pickups, Ochsenkarren, Maultieren, dem Motorrad oder auf der Schulter von einem Ort der Finca, zum anderen oder zu einem externen Ort (z.B. Terrasse, Gartenfläche beim Wohnhaus) zur Trocknung gebracht werden. Jeder Riss in der Haut der Kirsche ist eine Eingangstür für Bakterien und erhöht das Risiko bei der Trocknung und Fermentation. Jede Wetter-Eskapade ohne gute Vorbereitung auf viele Eventualitäten ohne Gegenmaßnahmen seitens des Produzenten kann die Trocknung erschweren oder unmöglich machen. Sie birgt das Risiko für Defekte in der Qualität der Tasse.
Läuft hingegen alles wie geplant, dann steht am Ende ein besonders süßer, fruchtiger, lebendiger Kaffee. Ein Rohkaffee den wir sowohl für unseren „Flying Pingo“ und den „Nanni“ rösten, als auch besonders für unseren „Dante“, „Black Ape“ und weitere Mischungen nutzen.
Besuch in Hamburg
Zurück zum Januar 2026: Kurz nach dem Jahreswechsel war Quijote wie so viele andere Firmen noch im wohlverdienten „Winterschlaf“. Wir hatten Betriebsferien von Weihnachten bis zum Beginn des neuen Jahres. Am 5. Januar ging es langsam wieder los bei uns in Rothenburgsort. Langsam war geplant, aber gefühlt gab es einen knüppelharten Start ins Jahr 2026: geballte Nachrichtenflut aus aller Welt, auf allen Kanälen und „Wetter“.
Kurzum: am 06.01.2026 waren wir alle schon wieder urlaubsreif. Für den 8. Januar war die Ankunft von Don Dagoberto, seiner Frau und seiner Begleitung in Hamburg geplant. Zwischen Warnmeldungen, Störmeldungen im Nahverkehr und Vorbereitung für die erwartete Ankunft des Sturmtiefs „Elli“. Wir hatten Don Dagoberto und seine Fahrgemeinschaft informiert, dass die Fahrt nach Hamburg aus unserer Sicht gefährlich sei. Dass sein Wohl und das seiner Frau viel wichtiger seien und wir uns entschieden hätten, dass der geplante Besuch bei Quijote / Hamburg schweren Herzens abgesagt werden müsse. Don Dagoberto nahm die Nachricht zur Kenntnis und bedankte sich für die Fürsorge. Eine Stornierung des gebuchten Hotelzimmers war nicht mehr möglich, so hatten wir gleichzeitig auch eine Unterkunft in der Hinterhand, falls ein Kollege mit Wohnort in Niedersachsen von uns in Hamburg „stranden“ würde. Am Nachmittag des 8. Januars schrieb mir Don Dagoberto, dass sie auf dem Weg seien. Auf dem Weg von Paderborn nach Hamburg. Im Wissen, dass sie vermutlich umkehren oder irgendwo auf halber Strecke stoppen müssten. Leicht panisch schickte ich Sprachnachrichten an ihn, an seine Begleitung und versuchte deutlich zu machen, dass ich wirklich ganz ernsthaft besorgt sei. Das wurde mit Emojis und Herzchen quittiert und ergänzt um das Versprechen, umzukehren oder anzuhalten, falls die Straßen nicht sicher wären. Um 19:08 Uhr schrieb mir Don Dagoberto, dass sie wohlbehalten im Hotel nahe der Landungsbrücken angekommen seien. Grinsende Smilys und Kommentare folgten. Am Freitag, dem 9. Januar begann der Tag mit für Hamburger Verhältnisse sehr viel Schnee. Wir schickten uns Fotos von dem jeweiligen Ausblick auf die jeweilige Schneelandschaft und hielten Smalltalk.
Don Dagobertos Besuch bei Eis und Schnee bei Quijote
Am Samstag, dem 10. Januar haben wir uns dann in kleiner Runde bei Quijote getroffen. Nachdem der Parkplatz und kurze Weg zum Eingang zum Quijote-Büro mit einem großen Schneeschieber befreit war, konnten die Gäste parken und wohlbehalten eintreten. Aufgrund des am Ende überraschenden Besuches, entfiel zwar die umfangreich beabsichtigte Mittagstafel. Zu Kartoffelsuppe, frischem Brot und warmen Apfelkuchen hatten die Vorräte jedoch noch gereicht. Quijotes Büro, Küche und Gemeinschaftsräume gleichen in vielem eher einer Studenten-WG, die Produktions- und Lagerräume jedoch sind was sie sind: 100% Kaffeeproduktion. Es ist immer wieder schön, wenn nicht nur wir auf unseren Quijote Reisen Fincas sehen, sondern auch die Produzenten die Gelegenheit haben unsere Seite des Kaffeehandels und Rösterei kennen zu lernen. Don Dagoberto und seine Frau Mauren haben mit großem Interesse alles angesehen und viele Fragen gestellt: Rohkaffee-Silos, den Röster, die Verpackungsmaschine, unsere „Kaffee-Zubereitungs- und QC-Ecke“, unsere Packstationen für die Pakete für B2B und B2C, unseren Plenumsraum, unsere Büros, unseren Sample-Röstraum, unser Cupping-Labor und unsere hauseigene 14-jährige Kaffeepflanze „Herbie“. Da wir nur eine kleine Gruppe waren, haben wir im kleinsten Büro von Quijote zusammen gegessen, Kaffee getrunken und viel miteinander geredet. Bei Kaffee und Kuchen haben wir über Kaffeepreise, die schier absurde Volatilität des Kaffee-Weltmarktpreises in New York, die damit verbunden Risiken für Produzenten und Kooperativen gesprochen und wie wir die Perspektiven für den Kaffeemarkt sehen. Herausforderungen bei der Kaffee-Produktion. Tanz auf dem Seil im Kaffee-Handel. Seit der Gründung von Quijote bemühen wir uns, eine Alternative für den Umgang und die Kommunikation im Kaffeehandel zu leben, zu bewerben, zu verbreitern und Veränderungen zu bewirken. Im Kleinen sehen wir auch deutliche Erfolge davon, die enge Beziehung, offener Austausch mit Produzenten, gute Rohkaffee-Qualität sind Motivation für uns. Im Großen jedoch sind kaum Änderungen zu sehen. Alle damaligen Herausforderungen im Vergleich zum Zeitpunkt der Gründung Quijotes haben sich gefühlt nur noch gesteigert. Diese Herausforderungen strukturiert aufzuzeigen ist oft schwierig und gleichzeitig so wichtig. Deshalb sind wir bei dem Besuch so verblieben, dass Don Dagoberto nach seiner Rückkehr nach Honduras mir per Whatsapp eine Sprachnachricht schickt um seine ganz persönliche, aktuelle Sicht bzgl. Herausforderungen in konkrete Worte zu fassen. Beim Besuch bei Quijote gab es zu viel Neues, Aktuelles und „fliegende Themenwechsel“ was besprochen werden wollte und sollte. Sprachnachrichten sind unserer Erfahrung nach eine guter Weg, um längere Inhalte zu kommunizieren. Mittlerweile gibt es auch gute technische Unterstützung für eine Transkription
Transkribierter und übersetzer Text von Don Dagoberto - die Basis ist eine Sprachnachricht vom 15.01.2026
„Wir bereiten gerade den Kaffee für Quijote vor. In dieser Saison hat sich die Reifung der Ernte aufgrund der niedrigen Temperaturen – es war ziemlich kalt und sehr feucht – um etwa einen Monat verzögert.
Normalerweise ernten wir im Dezember, wenn das Wetter normal ist. Auf der gesamten Farm ist die Reifung gut, aber dieses Jahr hat sich die Ernte wegen der niedrigen Temperaturen verzögert. Wir sind jedoch bereits dabei, den Kaffee für Quijote zu ernten.
Die niedrigen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit haben dazu geführt, dass der Rostbefall (Roya-Krankheit Kaffeepflanze) sehr stark war. Daher gibt es mehrere Pflanzen mit Blattfall, und eine beträchtliche Menge Kaffee wird nicht reif, da die Pflanzen keine Blätter mehr haben.
Klimawandel – zum Beispiel die Ernte 2023/2024 – war für uns eine normale Ernte mit normaler Reifung. Im Gegensatz dazu gab es bei der vorherigen Ernte 2024/2025 zum Zeitpunkt der Ernte zu viel Regen, es regnete stark im Dezember und teilweise im Januar. Das führte dazu, dass der Kaffee am Boden lag, viele Kaffeekirschen aufbrachen, Wasser eindrang und im Boden gärte. Dennoch ist es so, dass ein Teil geerntet werden konnte. Letztendlich war die Ernte im Januar einigermaßen normal. Aber bei dieser vorangegangenen Ernte wirkte sich der Regen zum Zeitpunkt der Ernte aus, normalerweise regnet es während der gesamten Erntezeit auf unserer Farm nicht. Überhaupt nicht.
Dieser Klimawandel betrifft uns jedes Jahr. In diesem Jahr war das Problem zum Beispiel nicht der Regen, sondern die niedrigen Temperaturen, die dazu führten, dass sich die Reifung des Kaffees verzögerte. Das ist ein Risiko für uns.
Aber da es jedes Jahr Klimaveränderungen gibt, müssen wir uns Alternativen und Praktiken überlegen. Das müssen wir tun. Aber da sind wir. Immer. Mit dem Wunsch, weiter zu produzieren. Und das auf die bestmögliche Art und Weise. Um eine gute Qualität zu erzielen.
Eine weitere Situation, die uns wirklich Sorgen bereitet, ist der Mangel an Arbeitskräften. Für die Arbeit auf unserer Farm gibt es jeden Tag weniger Leute, die auf den Farmen arbeiten wollen, vor allem bei der Ernte. Das macht es uns sehr schwer, da die jungen Leute nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten wollen, sondern andere Möglichkeiten in den größeren Städten suchen und abwandern, um andere Chancen zu finden. Praktisch sind die einzigen, die uns helfen, ältere Menschen, und jedes Jahr wird es schwieriger, Leute zu finden, die uns helfen wollen.
Das ist eine etwas schwierige Situation, mit der wir nicht recht wissen, wie wir umgehen sollen, denn wie ich schon sagte, wird es jedes Jahr schwieriger.
Aber wir werden sehen, wie wir diese Situation, dieses Problem mit den Arbeitskräften, lösen können. Trotz all der Schwierigkeiten, die uns jedes Jahr durch das Wetter, den Arbeitskräftemangel und Krankheiten begegnen, sind wir stets guter Dinge und wollen weiterhin verantwortungsbewusst Kaffee anbauen – im Einklang mit der Natur und fair gegenüber den Menschen, die uns helfen, und dabei eine gute Qualität gewährleisten.“
Kurze Zeit später
Mittlerweile ist es März, seitdem ist einiges klarer: Don Dagoberto konnte Kaffee ernten und auch trocknen. Insgesamt ist leider sicher, dass viele Kaffeepflanzen auf der Finca durch Kälte, Wind und Pflanzenkrankheit beschädigt worden. Selbst als resistent geltende Kaffeesorten sind geschädigt, so dass die Perspektive mehr als schwierig ist und bleibt. Die tatsächliche Menge für die aktuelle Ernte steht noch aus.
Perspektiven für Perspektiven
Quijote zahlt, wie alle anderen Kaffeeeinkäufer für die Exportmenge und nicht für die verarbeitete Menge. Die Quote von Kaffee-Kirsche zu verarbeiteter und letztendlich exportierter Kaffee-Menge ist in Abhängigkeit zum jeweiligen Prozess. In den letzten Jahren konnten wir z.B. in Honduras sehen, dass die Tendenz sich jedoch deutlich zum Nachteil für die Produzenten entwickelt. Eine weiterer Punkt auf der immer länger werdenden Liste der Herausforderung bei der Kaffeeproduktion für die Produzenten. Konkrete Beispiele für die Quoten von der Kaffeekirsche zur tatsächlich Exportmenge können wir im Mai vorstellen. Dank unserer engen Zusammenarbeit können wir diese Information bekommen und in Relation setzen. Ende April werde ich nach Honduras reisen, Don Dagoberto und seine Familie und Finca besuchen und all die anderen, die sich seit Jahren jeden Tag aufs Neue bemühen einen leckeren Kaffee aus Honduras zu produzieren, um am Ende Quijote zu ermöglichen „Flying Pingo“, „Dante“ und Co. Rösten zu können.