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Reisebericht - Indien 2026 - Kooperative MASS

Inhaltsverzeichnis
Reisezeitraum: 31.01. bis 06.02.2026
Reisender: Pako

Indien. Das Land, das vor ein paar Jahren China als bevölkerungsreichsten Staat der Welt abgelöst hat. Über 1,4 Milliarden Menschen leben hier auf einer Fläche, die etwa neunmal so groß ist wie Deutschland. Geografisch ist Indien ein Land der Superlative: vom Himalaya über Wüsten und Regenwälder bis hin zu tropischen Stränden ist alles vertreten. Hinzu kommen 22 offiziell anerkannte Sprachen. Neben Hindi hat sich Englisch als wichtige Verwaltungs- und Verkehrssprache etabliert. Praktisch – denn so muss ich für diese Reise das im Bundesstaat Kerala gesprochene Malayalam nicht beherrschen. Mit den meisten Menschen kann man sehr gut auf Englisch kommunizieren, die Sprachbarriere bleibt angenehm niedrig. 

Schwan, der schon einige Jahre Reiseerfahrung in Kerala hat, war irgendwann einmal so motiviert, dass er begann, Malayalam zu lernen. Hängengeblieben sind davon leider nur ein paar wenige Worte. Für diese Reise würden mir seine Kenntnisse allerdings ohnehin nichts nützen. Anders als bei unserer gemeinsamen Reise im letzten April (siehe Reisebericht HIER) sind wir dieses Jahr getrennt unterwegs. Schwan hat bereits Anfang Januar die Kooperative O. Wayanad besucht (siehe Reisebericht HIER), mit der wir seit rund zehn Jahren zusammenarbeiten. Ich hingegen mache mich auf den Weg zur ein paar Zugstunden weiter südlich Kooperative MASS, die im unglaublich pittoresken Hochland rund um Idukki beheimatet ist. Es ist das dritte Jahr unserer Partnerschaft mit MASS – mein zweiter Besuch vor Ort. Und meine erste Reise allein für Quijote. Das ist wunderbar aufregend und ich bin sehr gespannt was ich alles erleben werde die nächsten Tage.

Anreise - eine kleine Weltreise

Meine Anreise verlief unkompliziert, verdient aber dennoch ein paar Zeilen. Wenn ich fliege, freue ich mich immer sehr darauf – ich mag das Fliegen. Die Atmosphäre an Flughäfen, der Geruch von Kerosin. Im Flugzeug versuche ich mir jedes Mal bewusst zu machen, wie verrückt und eigentlich völlig unnatürlich es ist, in einem Stahlzylinder mit fast 1.000 km/h in 10.000 Metern Höhe durch die Luft zu sausen. Intellektuell ist das leicht zu verstehen. Dieses Gefühl aber wirklich zuzulassen und zu spüren, ist etwas Besonderes und jedes Mal wieder wunderschön, wenn es gelingt.

Auch etwas Besonderes bei dieser Anreise war der Umstieg in Doha. Um ein Uhr nachts musste ich rund rund 30 Minuten durch den Flughafen schlendern, um mein nächstes Gate zu erreichen. Auf dem Weg kam ich an vielen weiteren Gates vorbei, deren Abflüge ebenfalls innerhalb der nächsten Stunde stattfanden: Nairobi, Melbourne, Teheran, São Paulo, Madrid, Osaka, Kathmandu, Johannesburg, Shanghai, Maputo, Dallas, Oslo, Beijing. An jedem Gate saßen und standen Menschen mit genau diesen Herkunftsorten. Was für eine Weltreise. Und was für ein unsinniger Wahnsinn, dass wir in einer Welt mit so vielen Konflikten leben. Machtkämpfe weniger Irrer, ausgetragen auf den Schultern aller anderen. Menschen, die – davon bin ich fest überzeugt – eigentlich wunderbar zusammenleben könnten. Sicher nicht immer einig über alles, aber mit Toleranz, Respekt und echter Neugier gegenüber anderer Kulturen und Lebensweisen ließe sich so viel voneinander lernen. Und vielleicht eine ziemlich schöne Welt gestalten.

Jaja, 18 Stunden Flugdelirium sind eine lange Zeit zum Träumen. Diese Träume wurden allerdings abrupt beendet, als mir in der Ankunftshalle des Kochi International Airport auf einem Fernseher das Gesicht von Donald Trump entgegenblickte. Es ist 10 Uhr morgens. Ich habe es geschafft. Und ich fühle mich gut – denn ich habe mehr erreicht als Christoph Kolumbus: Indien.

Die anderthalb Stunden mit Bus und Metro durch die Stadt meisterte ich auch noch. Doch kaum im Hotel angekommen, ging plötzlich gar nichts mehr. Ich fiel sofort in einen vierstündigen Tiefschlaf und konnte mich nur wieder aufraffen, weil mein Hunger und eine notwendige ATM-Mission es verlangten. Die zurückgewonnene Energie nutzte ich schließlich noch, um mich ein wenig auf den morgigen Tag vorzubereiten.

Tag 1 - Plantrich Factory

Um kurz vor acht Uhr bekomme ich eine Push-Nachricht der Uber-App: Der Fahrer steht vor dem Hotel und sei abfahrbereit. Anderthalb Stunden cruisen wir durch das küstennahe Flachland. Auf und neben der Straße herrscht reges Treiben. Der Straßenverkehr in Indien ist etwas ganz besonderes und mir bereits bei der letztjährigen Reise ans Herz gewachen.

Während es abseits der Straße im Allgemeinen eher gemütlich zugeht und nicht auf jede Sekunde ankommt, gibt es auf dem Asphalt keine Gnade. Ich fühle mich wie der Beifahrer in einem Rallyeautos. Jede noch so kleine Überholmöglichkeit wird genutzt. Dass dabei auch mal der Gegenverkehr ausweichen muss und aus einer zweispurigen kurzzeitig eine dreispurigen Straße wird, ist völlig normal. Direkt vor einer Kurve zum Überholen ansetzen? Kein Problem! Jedes Überholmanöver wird mit Hupen angekündigt. Auf vielen Autos steht hinten sogar explizit "Sound Horn". Die Hupe dient hier wie eine Art Sonar, der Überholte weiß dadurch genau wo sich der Überholende derzeit räumlich befindet. Wahrscheinlich sind Hupen in Indien genauso Verschleißteile wie Reifen und müssen regelmäßig erneuert werden. Da wirklich durchgehend überholt wird - Tuktuks Fahrräder, Autos Tuktuks, Autos Autos, Motorräder Auto - ist der Geräuschpegel dementsprechend hoch. Unterlegt wird diese unrythmische Hupmelodie vom konstanten, rythmischen Blubbern der Tuktuks. Diese funktionierende Anarchie auf der Straße finde ich unglaublich Beeindruckend. Alle machen was sie wollen, und selbst die verrücktesten und unsinnigsten Fahrmanöver anderer VerkehrsteilnehmerInnen werden stoisch hingenommen. Irgendwie fühle ich mich in diesem Wusel richtig wohl und komme total zur Ruhe. Wahrscheinlich ist es der Pragmatismus, der diesen Effekt auf mich hat. Es braucht nicht für alles strikte Regeln und perfekte Ordnung, damit Dinge funktionieren.

Nach diesem kleinen Ausschweif zurück zum eigentlichen Thema. Wir biegen auf einen unscheinbaren Schotterweg ab. Nach ein paar Hundert Metern durch dichtes grün taucht plötzlich ein großes Fabrikgebäude mit dem Schriftzug "Plantrich" auf. Dies ist der ganze Stolz von Plantrich. Bereits letztes Jahr haben wir die Fabrik besichtet, der Abschnitt zur Verarbeitung von Kaffee war schon fertiggestellt und in Betrieb. In diesem Jahr sind nun auch die Abschnitte zur Verarbeitung von Gewürzen sowie der Herstellung von ätherischen Ölen fertiggestellt. Die ersten Öle wurden vor ca. zwei Monaten produziert.

Für die Technikinteressierten hier eine kurze Zusammenfassung der Kaffeeverarbeitungsanlage: Die getrockneten Kaffeebohnen werden in einen großen Bodentrichter geschüttet. Ab diesem Moment läuft alles vollautomatisch. In mehreren Stufen werden die getrockneten Bohnen mechanisch gereinigt (Pre-Cleaner, Destoner, Peeler & Polisher), anschließend nach Größe sortiert (Grader) und auf unterschiedliche Silos verteilt - eines für jede Bohnengröße. Von dort aus durchlaufen die einzelnen Größen zwei weitere Sortiersstufen (Gravity Separator und Color Sorter), ehe der Kaffee am anderen Ende der rund 30m langen Halle exportbereit abgepackt werden kann. Im Reisebericht vom letzten Jahr habe ich ein paar mehr Infos zur Kaffee-Verabeitungsanlage geschrieben.

Die Verarbeitungsanlage ist modern und groß, da Plantrich modern und groß ist. Jedes Jahr exportieren sie ca. 3.000 Tonnen Kaffee in die ganze Welt. Alles bio. Alles aus demokratischen, kleinbäuerlichen Strukturen. Organisatorisch betrachtet übernimmt Plantrich die Endverarbeitung und die komplette Exportabwicklung des Kaffees - gewissermaßen den unternehmerischen Teil der Kaffeeproduktion. Der eigentliche Kaffeeanbau findet in drei Kooperativen statt: MASS, HAS und HOWFFA. Nach indischem Gesetz dürfen die Kooperativen den Kaffee nicht selber Exportieren, allein dafür ist Plantrich bereits notwendig. Unabhängig davon erscheint mir diese Aufgabenteilung im Allgemeinen sehr sinnvoll. Das operative Geschäft ist klar von der Arbeit der Kooperativen getrennt, sodass diese sich voll und ganz auf das konzentrieren können, worin sie richtig gut sind: Kaffee anbauen. Plantrich und die drei Kooperativen sind dabei als eine gemeinsame Unternehmung zu verstehen – sie gehören zusammen, lediglich die Aufgabenverteilung trennt sie.

Ich werde von fünf jungen Mitarbeitenden freudig empfangen, einige sind bekannte Gesichter vom letzten Jahr. Im "Lab" kommt Bijumon dazu. Vor über 25 Jahren hat er Plantrich gegründet mit der Vision Lebensmittel ökologisch im Einklang mit der Natur sowie sozial gerecht anzubauen -wie man sieht mit Erfolg. Anfangs lag der Fokus fast ausschließlich auf Gewürzen, ab 2016 dann zunehmend auf Kaffee. Eine junge Kollegin hält für mich eine Präsentation über das Unternehmen. Bijumon unterbricht zwischendurch, ergänzt, korrigiert, stellt Fragen. An Sie, an die anderen. Und auch an mich. Bittet um meine Perspektive und Meinung. Ich stelle das Konzept von Quijote vor. Anschließend gehen wir gemeinsam eine Liste an Fragen durch, die ich vom Quijote-Importteam mit auf die Reise bekomme habe. Ein riesiger Touchbildschirm dient als Whiteboard. Es notiert, strukturiert und diskutiert. Bijumon ermutigt die "Jünglinge" auch mir Fragen zu stellen. Er wirkt dabei eher wie ein Lehrer als ein Unternehmer. Er sagt mir, dass er eine große Verantwortung darin sieht, jungen Menschen die richtigen Werte zu vermitteln: "Was man jungen Menschen beibringt, ist das, was sie übernehmen werden. Wie sie denken, wie sie handeln werden. Sie sind die Zukunft." Das Thema Zukunft ist im Kaffee omnipräsent. Viele der FarmerInnen können ihre Farmen altersbedingt bald nicht mehr bewirtschaften. Gleichzeitig zieht es viele junge Menschen vom Land in die Städte, auf der Suche nach einer "modernen" Perspektive. Was die jungen Menschen halten würde bzw. ein Grund wäre für sie zurückzukommen: Neben der Notwendigkeit von stabilen Kaffeepreisen vor allem die Aussicht, dass auch der Betrieb einer Kaffeefarm "modern" sein kann. Plantrich und MASS haben das erkannt und setzen gezielt einen Fokus auf junge Menschen und ihre Bedürfnisse. Vor kurzem wurde ein alles verbindendes ERP-System eingeführt, es gibt Schulungen für effizienten Kaffeeanbau sowie Experimente im Spezialitätenkaffeebereich.

Die Ergebnisse dieser Experimente verkosten wir gemeinsam bei einem Cupping. Auf dem Tisch sind zwei experimentelle Honey-Robustas, die aeorob und anearob fermentiert aufbereitet wurden. Wir diskutieren über das, was wir schmecken. Bijumon erzählt, dass auch die FarmerInnen selbst in die Verarbeitungsfabrik kommen können, um Kaffees zu verkosten - vor allem die jüngeren seien daran interessiert. Mit dem Team vereinbare ich, dass wir von Quijote ihnen Muster von Rohkaffees unserer anderen Partnerkooperativen für Schulungszwecke zusenden. Es ist immer spannend, Kaffees verschiedener Anbauregionen miteinander zu vergleichen.

Zum Abschluss gibt es ein super leckeres und ausgiebiges spätes Mittagessen. Mit vollem Magen verabschiede ich mich von allen und werde in ein etwa 20min entferntes Hotel gefahren. Den Rest des Nachmittags nutze ich dort, um die gesammelten Eindrücke und Informationen zu reflektieren und zu dokumentieren.

Tag 2 - Tribal Community

Sreekumar und Seetha warten in der Hotellobby auf mich. Sie werden die nächsten Tage meine Reisebegleiter sein. Gemeinsam treten wir unsere kleine Rallye ins Hochland an, dorthin, wo der Kaffeeanbau stattfindet und die Kooperative MASS beheimatet ist. Der Plan für den heutigen Tag ist der Besuch einer Tribal Community. Fünfzehn Minuten nach der Abfahrt fällt Seetha jedoch auf, dass sie wichtige Dokumente zu Hause vergessen hat. Wir drehen um. Da sie in der Nähe eines schönen Flusses lebt, wird der eigentliche Plan kurzerhand umgeworfen und anstatt "Tribal Community" heißt der erste Stopp nun "Backwaters-Bootstour". Seethas Bruder schließt sich uns und gemeinsam gleiten wir übers Wasser, genießen die frische Luft und das zirpen der Vögel. Nach der Bootstour besteht Seethas Bruder darauf, dass wir noch kurz bei ihm zu Hause vorbeikommen, um zusammen mit seiner Frau einen Tee zu trinken. Beim Abschied bittet diese mich, beim nächsten Besuch doch bitte bei ihnen zu übernächtigen, anstatt im Hotel.

Nun geht aber doch in die Höhe. Rund drei Stunden dauert die Fahrt, ehe wir schließlich an einer Schranke zum Halt kommen. Ein Schild verrät, wo wir uns befinden: Der Eingang zum "Idukki Wildlife Sanctuary". Ein Naturschutzgebiet sowie Lebensraum einer Tribal Community. Nur mit einer Sondergenehmigung dürfen wir das Gebiet betreten. Die Tribal Community könnte auch als indigene Bevölkerungsgruppe bezeichnet werden. In Kerala leben mehrere dieser Gruppen. Ihre Lebensweise ist traditionell eng mit der Natur verbunden. Landwirtschaft und ein tiefes Wissen über die lokalen Ökosysteme bilden die Grundlage ihres Alltags. Viele der Familien leben seit Generationen in und mit den Wäldern des Idukki-Gebiets. Land wird häufig gemeinschaftlich genutzt, Wissen über Anbau, Ernte und Verarbeitung wird innerhalb der Familien und Dorfgemeinschaften weitergegeben. Gleichzeitig stehen viele Tribal Communities heute vor großen Herausforderungen: eingeschränkter Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung, rechtliche Unsicherheiten bezüglich Landrechten sowie der wachsende Druck durch wirtschaftliche und ökologische Veränderungen. Die Zusammenarbeit mit Kooperativen wie MASS schafft hier wichtige Perspektiven, indem sie den Zugang zu fairen Märkten ermöglicht, Einkommen sichert und gleichzeitig traditionelle Strukturen respektiert und stärkt.

Vor dem "Procurement-Center" wartet Kumar bereits auf uns. Er ist hier in dem Gebiet der "Farmers-Leader". Um zu verstehen, was das bedeutet, lohnt sich ein kurzer Exkurs in die demokratische Struktur der Kooperative. MASS besteht aus mehreren tausend Farmerinnen und ist aufgrund dieser Größe in verschiedene Gebiete unterteilt. Jedes Gebiet wählt eine Vertreterin oder einen Vertreter – den sogenannten Farmers Leader. Bei Problemen, Fragen oder Wünschen können sich die Farmerinnen direkt an ihn wenden. Die Anliegen werden anschließend gemeinsam mit dem zuständigen Field Officer besprochen. Insgesamt arbeiten bei MASS zwölf Field Officer. Sie sind Angestellte der Kooperative, speziell ausgebildet, um die FarmerIinnen technisch zu unterstützen, sie zu beraten, aber auch zu kontrollieren, damit die Richtlinien der verschiedenen Zertifizierungen eingehalten werden. Mehrmals im Jahr treffen sich die Farmers Leader zudem zu gebietsübergreifenden Versammlungen. Ergänzt wird diese Struktur durch sieben Board Member, die gewissermaßen den Vorstand der Kooperative bilden und alle drei Jahre neu gewählt werden. Hinzu kommen Sreekumar und Seetha, die für die administrativen Geschäfte von MASS zuständig sind, sowie einige Mitarbeitende im Nassverarbeitungszentrum.

Zurück zur Tribal-Community. Kumar vertritt in diesem Fall die Belange der rund 90 Tribal-FarmerInnen dieses Gebietes. Das "Procurement-Center", eine kleine Halle, dient zugleich als Meetingraum und auch als Annahmestelle für den frisch geernteten Kaffee. Wird Kaffee hierher gebracht, wird er direkt vor Ort gewogen und alle Daten digital erfasst, sie landen direkt im ERP-System. Diese digitale Abwicklung ist ein neues System, das letztes Jahr eingeführt wurde. Da es wie bei jedem Softwareprojekt zu Beginn Startschwierigkeiten gibt, wird die Annahme zur Sicherheit zusätzlich noch handschriftlich dokumentiert. Im Nassverarbeitungszentrum von MASS wird der Kaffee später noch einmal nachgewogen. Nachdem Gewicht und Qualität bestätigt sind, wird die Zahlung freigegeben. Spätestens fünf Tage nach der Abgabe erhalten die FarmerInnen ihr Geld per Überweisung auf ihr Konto.

Vom Procurement-Center aus machen wir uns aud den Weg zu zwei Farmen. Beide Familien leben sehr einfach, eingebettet in eine unglaublich reiche und wunderschöne Natur. Da die Familien hier in dem Gebiet sich gegenseitig unterstützen, seien ErntehelferInnen nicht benötigt. Der Kaffee wird hier größtenteils der Natur überlassen und kaum zurückgeschnitten. Die Pflanzen wachsen sehr hoch, was die Ernte mühsam macht. Der Ertrag ist hier ganz offensichtlich nicht maximiert, das ist aber auch ok für die Farmer. Die Frage, warum sie biologisch anbauen, kann ich mich sparen.

Am späten Nachmittag fahren wir weiter nach Kattappana, zu dem Hotel, in dem ich die nächsten Tage wohnen werde. Der Tag wirkt noch nach, während ich müde, aber glücklich, schon früh am Abend einschlafe.

Tag 3-5 - MASS Verarbeitungsstation und Farmbesuche

Die kommenden drei Tage sind geprägt von vielen schönen Begegnungen. Von unzähligen Fragen. Und von noch mehr Eindrücken.

Ein zentraler Ort dieser Tage ist die Nassverarbeitungsanlage von MASS in Idinjamala. Schon im letzten Jahr waren wir hier, damals wurden wir feierlich empfangen und bekamen Blumenketten umgehängt. Dieses Mal bin ich ehrlich gesagt ganz froh, dass es bei einer einzelnen Rose bleibt. So viel Aufmerksamkeit liegt mir nicht besonders. Es ist ein Rundgang übers Gelände geplant. Vorher frühstückt das Team jedoch erstmal noch, alles ist entspannt. Sreekumar hingegen ist bereits voll im Businessmodus – wobei er das eigentlich immer ist. An einem einzigen Tag führt er mehr Telefonate, als ich vermutlich in einem ganzen Jahr.

Den Rundgang durch die Anlage macht Rittu mit mir, ein bekanntes Gesicht aus dem letzten Jahr. In Idinjamala kommt der Kaffee aller FarmerInnen von MASS an. Die frisch geernteten Kaffeekirschen werden zunächst gewaschen, anschließend werden sogenannte „Floater“ aussortiert. Das sind Kirschen, die aufgrund ihrer geringen Dichte an der Oberfläche treiben und qualitativ minderwertig sind. Danach durchlaufen die Kirschen den "De-Pulper", in dem die Bohnen von der Fruchtschale getrennt werden. Die dabei entstehenden Abfälle werden nicht entsorgt, sondern weiterverwendet: Vermischt mit Kuhmist und anderen pflanzlichen Resten entsteht daraus hochwertiger Kompost, ein hervorragender Dünger. Kostenlos für die FarmerInnen. Nach der Nassverarbeitung werden die Bohnen großflächig ausgebreitet und in der Sonne getrocknet. Je nach Wetter dauert dieser Prozess etwa zehn bis fünfzehn Tage.

Zum Abschluss zeigt mir Rittu noch die Jungpflanzenzucht. Rund 100.000 Kaffeepflanzen-Setzlinge werden hier jährlich herangezogen und später kostenlos an die FarmerInnen verteilt. Der Aufwand dafür ist enorm, ebenso die Kosten. Doch in ein paar Jahren, wenn die Pflanzen Früchte tragen, rechnet sich diese Investition.


Und genau diese Früchte können wir uns bei den Farmbesuchen anschauen. Jeden Tag treffen wir 1-3 FarmerInnen. Ich begegne durchweg herzliche und sehr gastfreundschaftliche Menschen. Eigentlich war der Plan, dass mein Besuch innerhalb der Hauptwochen der Ernte stattfindet. Das Klima wollte es aber anders, die Ernte war bereits fast vollständig abgeschlossen. Letze Woche, so sagen mir die Farmerinnern, war hier noch richtig viel los. Viele der FarmerInnen haben zur Ernte Unterstützung von außen. Nur so kann die Ernte auf den durchschnittlich 1-2 Hektar großen Farmen effizient erfolgen. Anders als bei den Tribal-Communities, wo sich die Familien gegenseitig unterstützen, sind es hier mit Extrakosten verbundene Arbeitskräfte. Die Ernte findet selektiv statt, das heißt es werden nur die reifen roten Früchte gepfückt, der Rest bleibt am Baum für eine zweite spätere Ernterunde. Die Bezahlung der Arbeitskräfte war die letzten zwei Jahre zum Glück kein großes Problem. Die Kaffeepreise sind hoch, und zwar weltweit. Für die FarmerInnen ist das eine enorme Erleichterung, denn seit langem können sie das erste mal wieder Investieren und auch etwas Geld zur Seite legen. Alle hoffen, dass die Preise auf diesem Niveau bleiben. Wie schon im letzten Jahr ist es für mich sehr schön zu sehen, welchen positiven Effekt stabile und hohe Preise haben. Selbst auf die Frage, wer die Farm in Zukunft übernehmen wird, bekomme ich immer öfter die Antwort, dass die Kinder Interesse daran hätten, wenn die Preise stabil bleiben. Auch sie empfinden das Leben hier in der Natur als schön und erstrebenswert. Aber es braucht Planbarkeit. Eine Perspektive. Ein Blick auf den im Allgemeinen stark schwankenden Kaffeemarkt gibt diese Sicherheit jedoch leider nicht her. Auch wir von Quijote können da bei der Kooperative MASS nicht viel dran ändern. Wir bezahlen zwar einen hohen Preis, der genau darauf abzielt diese Grundsicherheit zu bieten, auch wenn der Kaffeemarkt unten ist. Wie bereits geschrieben importieren wir jedoch mit Blick auf die Gesamtproduktion von MASS nur eine sehr kleine Menge.

Warum sie Teil von MASS sind, frage ich alle FarmerInnen. Die erste Antwort ist fast immer: "Weil MASS mehr bezahlt als lokale Aufkäufer". Geld ist und bleibt der wichtigste Faktor, müssen die FarmerInnen doch das ganze Jahr von dem Ertrag weniger Monate leben. Vor allem bei den FarmerInnen mit kleinem Grundstück wird da jeder Cent (bzw. Rupee) umgedreht. Alle nennen aber auch als Grund, dass sie als Mitglieder der Kooperative jede Menge Unterstützung erhalten - neben den Setzlingen zum Beispiel auch Schulungen.

Der biologische Anbau ist für alle eine Selbstverständlich. Im Moment sei der Anbau sogar günstiger, da die Preise für Biodünger niedrig seien und natürlich auch keine Ausgaben für chemische Pestizide und Fungizide hätten.

Auch die Diversifizierung der Produkte ist hier gelebter Alltag. Je mehr Produkte angebaut werden, desto unabhängiger ist man von den Preisschwankungen einzelner Produkte. Neben Kaffee bauen die FarmerInnen vor allem Pfeffer und Kakao für den Verkauf an. Ein aktuelles Projekt von MASS ist die Aufzucht von Zimt-Setzlingen, welche ebenfalls kostenlos an die FarmerInnne verteilt werden. Die Zimt-Pflanzen dienen nach etwa 5-6 Jahren Wachstum als Schattenspender für den Kaffee und gleichzeitig als zusätzliche Einnahmequelle. Großer Vorteil von Zimt ist auch, dass Wildtiere die Pflanze nicht mögen.

Was natürlich nicht fehlen darf ist das Thema Klimawandel. Bei der Frage nach aktuellen Herausforderungen ist das die erste und im Moment meist einzige Antwort. Das Wetter wird immer unberechenbarer und bedroht die Ernten. Mehr muss dazu garnicht geschrieben werden. Der Klimawandel ist ein riesiges Problem, wahrscheinlich die größte Herausforderung von allen. Und doch bei den vielen anderen aktuellen Krisen der Welt in den letzten Jahren völlig in den Hintergrund gerückt.

Auf einer Farm ist eine sogenannte Satellitenstation. Es ist ein Leuchtturmprojekt von MASS. Ziel ist es, dass gewaschener Kaffee dezentral aufbereitet werden kann. Das würde vor allem die Logistik erleichtern, denn das gesamte Einzugsgebiet von MASS ist riesig und Farmen teilweise anderthalb Autostunden entfernt. Neben dem Equipment braucht es für das Projekt aber vor allem Expertise. Die Kaffeeannahme muss an der Satellitenstation reibungslos funktionieren und der Trocknungsprozess professionell betreut werden. Auf dieser Farm wird nun also erprobt, ob das Projekt Zukunft hat. Geplant sind insgesamt zehn solcher Satelliten.

Ein besonderer Moment zum Abschluss ist das Treffen mit zehn FarmerInnen. Etwa zwanzig Prozent der Mitglieder von MASS sind Frauen. Im Procurement-Center des Gebiets kommen wir für rund eine Stunde zusammen. Zu Beginn werde ich noch etwas skeptisch gemustert. Doch nach der Vorstellung von mir und von Quijote löst sich die Stimmung spürbar. Wir diskutieren offen über alles was uns einfällt. Zwischendurch entstehen viele organisatorische Gespräche zwischen den Frauen, denen ich aufgrund meiner fehlenden Malayalam-Kenntnisse nicht folgen kann. Aber das ist in Ordnung, ich genieße die Teilnahme und bin sehr dankbar für die Erfahrung.

Abschluss

Fünf Tage liegen hinter mir, die unglaublich lehrreich waren. Nicht nur fachlich, sondern vor allem menschlich. Irgendwo zwischen all den Begegnungen, Gesprächen und Eindrücken habe ich das Gefühl, in meiner Mitte zu sein. Menschlichkeit, Respekt und Toleranz. Geduld. Pragmatismus und Bodenständigkeit. Weniger Verbissenheit. Nicht als theoretische Konzepte, sondern ganz konkret gelebt. Das liegt nicht nur an den Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, sondern auch am Gesamteindruck von Kerala. Natürlich ist das nur meine ganz persönliche, subjektive Wahrnehmung – geprägt von meinen Erfahrungen, meinen Begegnungen, meinem Blick von außen.

Zu Beginn dieses Reiseberichts habe ich von diesem besonderen Gefühl geschrieben, das mich beim Fliegen begleitet, diesem Moment, in dem man kurz innehält und sich bewusst macht, wie außergewöhnlich etwas eigentlich ist. Dieses Gefühl lässt sich auf vieles übertragen. Zum Beispiel auf eine Tasse Kaffee. Vielleicht lohnt es sich, die nächste Tasse nicht einfach nebenbei zu trinken, sondern sich einen kurzen Moment Zeit zu nehmen. Zu spüren, was diese Tasse wirklich bedeutet. Welchen Weg die Bohnen hinter sich haben. Welche Menschen, welche Arbeit, welche Geschichten darin stecken. Nicht aus Romantik. Sondern aus Wertschätzung.

Vor mir liegen nun noch zwei Wochen Urlaub. Darauf freue ich mich sehr und bin gespannt, was ich noch alles erleben werde.

Pako

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