Reisebericht - Pingo in Ecuador
Reisebericht - Pingo in Ecuador 2026
"Ich bin mal wieder in Ecuador. Ziel meiner Reise ist es, im Andenhochland im Süden des Landes die Arabicakooperativen ACRIM, APECAP, PROCAFEQ und PROCAP von FAPECAFES zu besuchen und im Amazonasregenwald die Kooperativen Waylla Kuri und Jatari. Also recht viel Programm für 14 Tage.
Anreise und Tag 1
Gestern bin ich völlig unspektakulär mit Iberia von Hamburg
über Madrid nach Quito geflogen. Ich übernachtete in Flughafennähe in einem
einfachen Hostal. Nun geht es gleich um 4.30 Uhr morgens mit dem Bus zurück zum
Flughafen. Von dort geht es mit einem Regionalflugzeug ins südliche
Andenhochland nach Loja und für drei Tage die Arabica Kooperativen zu besuchen.
Ziel ist es, die Kontakte zu halten, die Ernteaussichten zu besprechen,
Erwartungen, abzugleichen.
Tag 2
Wiederaufbau und Hoffnung
Pünktlich um 4:30 Uhr kam der Shuttleservice und brachte mich zum Flughafen. Die halbwegs gut in Schuss gehaltenen und deutlich über 30 Jahre alten Boing 737-500 von der neuen nationalen Fluggesellschaft Aeroregional bedienen hier die Linie von Quito nach Loja. Die Flugroute ist wirklich spektakulär, da sie über sehr viele Andenvulkane fliegt und der Anflug auf dem Ziel Flughafen durch enge Gebirgstäler führt. Am Flughafen von Loja erwarteten mich schon Lukas von der Avenir Rösterei und Ramiro, der Manager von der Kooperative PROCAFEQ. Lukas wird mich auf der gesamten Reise begleiten und war schon 5 Tage bei unserer Partnerkooperative PROCAP zu Besuch. Zwei Jahre nach der Katastrophe Unser erster Weg führte uns sofort zur Finca von Don Victor, den Produzenten, der bei dem Waldbrand 2024 alles verloren hatte. Ich war während der Katastrophe vor Ort und wir hatten eine Solidaritätskampagne gestartet, bei der wir damals über 15.000 Dollar eingesammelt und gespendet haben. Begleitet wurden wir heute von Cecilia, der Buchhalterin von der Kooperative und Don Victor. Victors Verarbeitungsstation ist mittlerweile neu aufgebaut und auch neue Trockenzelte wurden gerade installiert. Ein neues Bewässerungssystem ebenso. Ein bisher seit Jahrzehnten brachliegendes Stück Weideland von Victor wurde mit unserer Hilfe aufgeforstet und mit mittlerweile 6000 neuen Kaffeepflanzen der Varietäten Typica- Mejorada, Sidra und Geisha bepflanzt. Dieser Erfolg unserer gemeinsamen Anstrengung und der Solidarität so vieler unserer Freund:innen hat hier vielen Leuten Mut gemacht und ein gutes Beispiel gegeben. Ein gutes Beispiel, dass es sich lohnt, sich zu organisieren und auch in Krisen zusammenzuhalten. Ich persönlich freue mich darüber hinaus sehr auf die erste Ernte in zwei Jahren. Don Victor hat versprochen, dass der Kaffee dann für uns ist.
Alte hohe Bäume und ihre Auswirkungen auf Kaffee
Nach einem wirklich guten Mittagessen in San Antonio de las Aradas fuhren wir zur Finca von Don Hector, einem weiteren Urgestein der Kooperative. Hector ist mittlerweile 80 Jahre alt und baut seit über 68 Jahren auf seiner Finca Kaffee an. Auf vier Hektar hat er über 15.000 sehr gesunde Kaffeepflanzen stehen. Mit über 80 Säcken jährlich ist er der Produzent mit der regelmäßig größten eingebrachten Menge Kaffee der Kooperative.
Ich hatte Hectors Finca noch nie besucht und war sehr
beeindruckt. Da ist zu sehen, was für einen positiven Einfluss alte und hohe
Bäume auf die Beschaffenheit des Erdreichs und des Schattenwurfes auf die
Kaffeebüsche haben. Auf seiner Fläche stehen ausschließlich deutlich über 50
Jahre alte Bäume verschiedenster Arten. Durch ihr Alter und ihre eindrucksvolle
Höhe spenden sie sehr diffusen Schatten. Diese Vorteile sind Hector
mittlerweile sehr bewusst. Ursprünglich ließ er sie aber aus Liebe zur Natur und
zu Erhaltung des Lebensraumes der von ihm besonders geliebten Hörnchen und
Vögel stehen.
Hectors Kaffeepflanzen sind durch die gesunde Umgebung und gute Düngung sehr
gut ernährt und haben fast keine sichtbaren Krankheiten. Außerdem bringen sie
einen weit überdurchschnittlichen Ertrag. Das ist bei einem Kaffeefeld, das
bereits seit über 60 Jahren produziert wirklich außergewöhnlich. Auch Hector
hat neue und sensorisch potenziell sehr hochwertige Varietäten gepflanzt, die
teilweise schon dieses Jahr produzieren werden.
Positiv zu erwähnen sind die guten Ernteaussichten der gesamten Region für
dieses Jahr. Die Pflanzen aller bisher von uns besuchten Fincas haben sehr gute
Erträge und gesunde Pflanzen.
Mangel an anderer Stelle
Deutlich wurde während der heutigen Besuche, dass sich ein bisher schon gravierendes Problem noch weiter verschärft hat. Die Verfügbarkeit von Arbeitskräften während der Haupterntezeit ist definitiv nicht mehr gesichert. Ein Großteil der jungen Landbevölkerung hat aus Perspektivlosigkeit das Land verlassen und lebt in der Migration. Arbeitskräfte aus dem noch ärmeren Nachbarland Peru arbeiten mittlerweile lieber im hier fast überall präsenten zerstörerischen Raubbau von Gold. Dabei lässt sich das Doppelte verdienen als in der Landwirtschaft. Schöner Abschluss des Tages Abends nahmen Lukas und ich noch ein erfrischendes Bad im Swimmingpool unserer wirklich schönen Stamm-Unterkunft, den privaten Mini-Hostal Estancia Jaramillo am Rande des bezaubernden Dorfes Quilanga. Danach besuchten wir noch die sehr engagierte Mikrorösterei Kawsana, die hier wirklich gute Kaffees von Produzent:innen des Dorfes röstet und lokal vermarktet und aßen ein leckeres Eis in der berühmten Eisdiele von Quilanga.
Tag 3
Wiedersehen macht glücklich
Lukas und ich begannen unseren Tag mit einem ausgiebigen Bad im Pool und einem sehr leckeren Frühstück bei Yessica la Boliviana, der guten Seele des Dorfes. Yessica servierte uns in ihrer Bar einen riesigen Obstsalat mit Müsli, Joghurt, einer Tostada, Omelette mit Speck, frisch gepresstem Saft und Kaffee. Dermaßen abgefüllt machen wir uns auf dem Weg in die Region Espindola, wo wir die Basisgruppe der Subregion El Airo treffen wollen. Neben Ramiro begleiteten uns noch Luis Eduardo, der Manager von FAPECAFES sowie Victor. In El Airo angekommen wurden wir im lokalen Verwaltungszentrum der Kooperative von Don Valentin und 23 weiteren Mitgliedern in Empfang genommen. Dieser Empfang fiel äußerst herzlich aus, da ich vor vier Jahren bereits ein erstes Mal hier gewesen war. Es waren fast alle Mitglieder der Region anwesend. Und sie freuten sich offensichtlich auch richtig auf meinen Besuch. Es schien so, als ob ich beim letzten Mal einen guten Eindruck hinterlassen hatte und dass das solidarische und egalitäre Konzept unseres Kollektives Quijote Kaffee den Idealen der Leute hier vor Ort sehr entspricht. Außerdem hatte sich herumgesprochen, wie unbürokratisch, schnell und solidarisch Quijote Kaffee vor zwei Jahren Hilfe für die Betroffenen des Waldbrandes organisiert hat. Zentrales Thema der Versammlung war, was für Maßnahmen ergriffen werden können, um die Qualität des Kaffees weiter zu steigern und unsere Zusammenarbeit so weiter zu vertiefen. Als zentrales Projekt besprachen wir eine Verbesserung der Trocknung des Kaffees nach der Ernte. Auf der fast zweistündigen Versammlung tauschten wir uns auch über unsere Wünsche und Erwartungen an unsere weitere Zusammenarbeit aus. Diese Art von Treffen gefallen mir sehr gut, weil meist sehr offen gesprochen wird und Fragen beidseitig sehr ehrlich beantwortet werden. Nach Abschluss des Treffens wurde uns ein sehr umfangreiches leckeres Essen aus selbst produzierten Zutaten serviert. Und wir teilten uns zwei Flaschen selbstgebrannten Zuckerrohr-Schnaps. Dadurch würde die Stimmung noch lockerer und es wurden noch etliche persönliche Dinge angesprochen, die sonst nicht auf den Tisch gekommen wären. Auch das freut mich sehr, da es beweist, wie sehr unsere Beziehung hier auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Der Zusammenhalt und das offensichtlich sehr starke Gemeinschaftsgefühl der Gruppe hier sind beeindruckend. Auch der Wunsch nach umweltgerechter Produktion des Kaffees wurde sehr glaubhaft erklärt. Die Natur in diesem Teil Ecuadors ist noch relativ intakt. Es ist der klare Wunsch der Kaffeeproduzent:innen, dass das so bleibt. Dementsprechend sorgsam gehen sie mit ihren Feldern um und möchten, dass der Kaffeeanbau die Natur fördert und ihr nichts entnimmt. Das Problem ist: in unmittelbarer Nähe wird wahrscheinlich demnächst von der ecuadorianischen Regierung die Konzession für die Ausbeutung eines angenommenen riesigen Goldvorkommens an ein chinesisch- kanadisches Bergbaukonsortium vergeben. Dadurch würde das Wasser des hier lebensnotwendigen Flusses dermaßen verseucht werden, dass ein Leben wie bisher in diesem Tal nicht mehr möglich wäre. Nach einer langen und persönlichen Abschiedsrunde von allen mittlerweile 28 anwesenden Mitgliedern verzichteten wir auf Farmbesuche, da es in Strömen regnete. Auf dem Rückweg verabschiedeten wir uns in San Antonio de las Aradas sehr emotional von Victor. Mit ihm habe ich einen Freund fürs Leben gefunden. Zurück in Quilanga trafen wir uns mit Ramiro noch einmal bei Yessica und besprachen unser Fazit der letzten beiden Tage bei frittierter Yucca, Guacamole und mexikanischen Tortillas. Morgen geht es sehr früh nach Catamayo, wo wir uns dann mit Abgeordneten aller 4 Partnerkooperativen aus dem Süden Ecuadors treffen werden.
Tag 4
Alle zusammen
Dort erwartete uns der soeben gewählte jüngste Präsident in der Geschichte der Föderation, Melecio Mayo und außerdem die Manager und Präsidenten jeder der vier Basisorganisationen ACRIM, APECAP, PROCAP und PROCAFEQ. Sie alle nahmen eine Anreise von bis zu sieben Stunden per Bus auf sich, um sich mit uns zu treffen die Bedingungen und Konditionen für die neue Ernte zu besprechen. Der offensichtliche Status, den wir als Quijote Kaffee Kollektiv hier haben steht in deutlicher Diskrepanz zu unserem irgendwie immer noch existierenden Selbstbild als "klein und niedlich". Nachdem jede Person von uns sich vorgestellt und Grußworte gesprochen hatte, ging es gleich ans Eingemachte. Wir diskutierten über das Angebot, die aktuelle Ernte, potenzielle Mengen, Ideen und Wünsche sowie über Preisvorstellungen. Ich trug unsere Analyse und unser Fazit in Bezug auf die letzte Ernte vor und sparte nicht mit Kritik. Es ist erst Mitte April und diese ersten Gespräche vor Ort zu den Konditionen für die Kaufverträge sind sehr wichtig und persönlich viel besser an einem Tisch zu besprechen, als "nur" per E-Mail. Nach bzw. teilweise auch schon während der Reise gibt es dazu weiterführende Kommunikation mit anderen Kollektivmitgliedern von Quijote vom Bereich Rohkaffee-Einkauf. So können wir alle über die Ideen noch einmal schlafen. Dann gibt es dazu einen konkreten Antrag in Hamburg , dann ein Mandat durch das Plenum bei Quijote und dann letztendlich eine konkrete Antwort, auf das aktuellste Angebot von Fapecafes. Manchmal gibt es dann noch weitere Rücksprachen und dann finden wir einen gemeinsamen Weg und der Kaufvertrag wird abgeschlossen. Käufe aus dem Affekt sind nicht klug, wenn es um mehr als eine halbe Million Euro geht. Busreisen in Ecuador schulen in Geduld. Alle zusammen Nach einem leckeren und gesunden Frühstück bei La Boliviana fuhr ich mit Luis Eduardo, den Manager der Kaffeeföderation FAPECAFES in deren zentrale Verarbeitungs- und Exportstation nach Catamayo. Ein von fast allen Kooperativen geäußerter Wunsch war es, dass wir unsere Käufe differenzieren. Dass wir testweise kleine Mengen besonders hochwertiger Kaffees zu etwas höheren Preisen kaufen. Dies können beispielsweise besonders hochwertige Varietäten sein oder besonders gute Kaffees von Frauen- oder Jugend-Gruppen aus den Genossenschaften. Auch diese Idee werde ich mit nach Hause nehmen und im Kollektiv besprechen. Während und nach einem gemeinsamen Mittagessen konnten wir uns noch ausgiebig informell austauschen. Nachmittags fuhr uns Ramiro nach Loja, wo er seinen Sohn besuchen wollte. Lukas und ich nutzen den frühen Feierabend, um sehr lange im der schönen Stadt spazieren zu gehen und zwei handwerklich gebraute Biere zu trinken. Wir übernachten in der Nähe des zentralen Busbahnhofes in einem einfachen Apartment. Von diesem Busbahnhof aus beginnen wir morgen um 6 Uhr unsere Reise in das nordöstliche Amazonastiefland. Da diese Busfahrt über15 Stunden dauert, teilen wir sie in zwei Tage auf. Unsere Hoffnung ist, dass wir morgen vor Einbruch der Dunkelheit Macas, die Hauptstadt der Provinz Morona Santiago erreichen. Dafür müssen wir mindestens zweimal umsteigen. Unser Plan war es, in zwei Tagen halbwegs gemütlich über die östliche Straße, den sogenannten Troncal Amazónica nach Tena zu fahren. Das sind zwar nur 595 km, aber auch mit einem eigenen Auto würde das 12 Stunden dauern. Mit Bussen umso länger, da diese in Ecuador, um ein kleines Geschäft nebenbei zu machen, tatsächlich an jeder Person am Straßenrand halten, die dem Bus zuwinkt. Und diese Person jeweils an der gewünschten Stelle wieder rauslassen. Gerade im Umland der Städte passiert das alle 30 Sekunden oder alle 200m. Das ist gut für mich, dass ich auch nach 30 Jahren als Kaffeereisender in dem Bereich immer noch Nachhilfe brauche. Die sollte ich in diesen beiden Tagen bekommen.
Tag 5 und 6
Los ging es um 6:30 Uhr in Loja. Wir fuhren mit einem recht komfortablen Bus durch die sehr frustrierende Gegend um Zamora, in der alle Flüsse durch legalen und illegalen Goldbergbau zerstört sind. Stellt euch das so vor: Der schnellfließende Dschungelfluss mit einer natürlichen Breite von ca. 50 m wurde mit Baggern auf 300 m verbreitert und komplett umgegraben. Auf einem 1 km Flusslänge sind 50-70 riesige Bagger und hunderte Lastwagen im Flussbett zu sehen.
Es kommt zu diesen Zerstörungen:
Chemische Zerstörungen
Quecksilber: Beim klein- und mittelgroßen Bergbau wird Goldstaub oft mit Quecksilber gebunden. Dieses hochgiftige Schwermetall gelangt direkt ins Wasser, lagert sich in Sedimenten ab und reichert sich in der Nahrungskette an (z. B. in Fischen), was zu schweren gesundheitlichen Schäden bei Mensch und Tier führt. Zyanid: In größeren Minen oder Aufbereitungsanlagen wird Zyanid verwendet, um Gold aus dem Gestein zu lösen. Unfälle oder unsachgemäße Entsorgung führen zu massiven Fischsterben und gefährden die Trinkwasserversorgung ganzer Gemeinden.
Physikalische Zerstörung
Flussbett-Umgrabung: Große Bagger wühlen den Boden der Flüsse auf, um goldhaltigen Kies zu gewinnen. Dadurch wird der natürliche Lauf des Flusses gestört oder sogar komplett umgeleitet.
Trübung: Durch das Waschen von Erde direkt im Fluss gelangen riesige Mengen an Sedimenten ins Wasser. Das Wasser wird extrem trübe, was Wasserpflanzen das Licht raubt und die Kiemen von Fischen verstopft.
Erosion der Ufer: Für den Zugang zu den Goldadern werden die Uferwälder gerodet, was zu massiver Erosion führt. Bei starken Regenfällen können die destabilisierten Ufer abrutschen und das Flussbett weiter mit Schlamm füllen.
Freisetzung von Schwermetallen
Selbst wenn keine Chemikalien hinzugefügt werden, legt das Aufgraben tiefer Erdschichten natürlich vorkommende Schwermetalle wie Arsen, Blei oder Cadmium frei. Wenn diese mit Sauerstoff und Wasser in Kontakt kommen, entstehen oft saure Grubenabwässer, die das Leben im Fluss abtöten.
Verlust der Nutzbarkeit
Ehemals klare Flüsse wie der Río Nangaritza oder der Río Zamora, die für Tourismus (Rafting) und Fischerei genutzt wurden, sind in vielen Abschnitten heute industriell geprägte Schlammzonen, die für den Menschen gefährlich sind.
Das Ganze ist auf den ersten Blick zu sehen und zu fühlen. Ich verzweifle daran. Erst recht, da ich das alles in davor und danach kenne. Erste Zwischenstation machten wir in der Stadt Yantzaza. Die Stadt ist mittlerweile berüchtigt für die erste Untertage-Goldbergbaumine. Wir stiegen also schnell um in einen Bus, der uns direkt nach Macas bringen sollte, die Hauptstadt der Provinz Morona Santiago im Amazonastiefland. Dort nach netto 11 Stunden Busreise in dröhnenden Monstern angekommen erfreuten wir uns an einem langen Spaziergang, ganz gutem Essen und sehr guten Craftbieren in der friedlichen und schönen Innenstadt. Auch unser 10 $-Hostel direkt neben dem Busbahnhof war wirklich freundlich, ruhig, komfortabel und sauber. Macas ist eine Entdeckung für uns gewesen und eine echte Empfehlung. Zumal wir auf unseren 6 Stunden Spaziergängen am ersten Abend und am kommenden Morgen keinen Touristen außer uns gesehen haben. Am nächsten Morgen ging es nach unserem Spaziergang und guten Frühstücken (Pan de Yuca, Käsetortillas, Orangensaft und eiskalte Wasser aus der Kokosnuss, alles von Straßenständen) sofort ab dem Busbahnhof weiter. Zufällig bekamen wir den gleichen Bus, der uns schon am Tag zuvor von Yantzaza nach Macas gebracht hatte. Er sollte uns nach Puyo fahren. Versuchte er auch, nahm unterwegs enervierend viele Schul- und Kindergartenkinder auf und setze sie alle 50 - 200 m wieder ab. Und 50 km vor Puyo platze eine Dieselleitung und spritze Diesel in den Motorraum. Von dort aus verdampfte er und drang in den Bus ein. Der Busfahrer und sein Copilito sahen sich das kurz an und beschlossen weiterzufahren. Nach 20 weiteren km wurde dies dann selbst ihnen zu viel und zu gefährlich und sie hielten endgültig an und ließen uns aussteigen. War besser so. Der Bus rauchte nun sehr stark. Wir waren an einer Kreuzung und es gab auch ein paar Essenstände. Nach einer halben Stunde kam ein anderer, bereits überfüllter Bus und nahm uns auf. Der erste Busfahrer bezahlte und wir fuhren als senkrechte Sardinen die letzte Stunde bis Puyo. Dort aßen wir ein wenig zu mittag und fuhren nach einer einstündigen Pause wieder mit dem nächsten Bus weiter. Er fuhr los und blieb dann an einer Kreuzung an einer Ausfallstraße stehen. So lange, bis er voller Fahrgäste war. Eine halbe Stunde dauerte das schon. Ich durfte wieder lernen. Geduld. Nach heute insgesamt 9 Stunden Busfahrt kamen wir in Tena an und stiegen direkt vor unserem geliebten Hostal Limoncocha oberhalbt der Stadt aus. Die Sonne schien, wir bezogen unsere Zimmer, kaufen auf dem neuen Chakramarkt beim letzten noch geöffneten Stand einen Sack Limetten für einen Dollar, eine Flasche Billigrum aus dem Fuselladen und ein Paket fair gehandelten gemahlenen Panela. Das habe ich eben alles in den Tiefkühler gesteckt. Es wird ein schöner Abend mit Blick auf die westlich gelegene Andenkordilliere auf unserer Terrasse werden.
Tag 7
Zurück zu Jatary
Vor etwas mehr als 15 Jahren war ich das erste Mal hier in der ecuadorianischen Amazonasgegend. Ich hatte das Gerücht gehört, dass es eine Gruppe indigener Produzent:innen geben soll, die hochwertigen gewaschenen Robusta produziert. Nach längerer und abenteuerlicher suche fand ich dann, damals noch mehrere Stunden Busfahrt über Feldwege entfernt und dann mit dem Kanu über die Anaconda-Insel in das Dorf Ahuano übersetzend, die Genossenschaft Jatari. Jatari bedeutet auf Kichwa „Aufstand“. Das war 10 Jahre, bevor in der Kaffeebranche von Spezialitätenrobusta die Rede war. Sowohl die indigenen Produzierenden als auch wir waren damals unserer Zeit weit voraus. Aber wir waren von Beginn an erfolgreich, da das Produkt eine sehr gute Qualität hatte und wir mit diesem extrem nachhaltig angebauten Kaffee von Beginn an einen Nerv getroffen haben. Seitdem sind wir in Deutschland ganz klar die Vorreiter-Rösterei bei „Robusta“. Nun arbeiten wir bereits seit 15 Jahren zusammen. Und wir verkaufen mittlerweile jedes Jahr über 50 Tonnen hochwertigen Robusta. Von kleinbäuerlichen Kooperativen aus Brasilien, Guatemala, Indien und selbstverständlich weiterhin aus Ecuador.
Mir persönlich ist es eine riesige Freude, die Kichwa-Genossenschaften hier in Ecuador zu besuchen. Nirgendwo auf der Welt wird Kaffee nachhaltiger angebaut als in dem hiesigen Chakra-System. Der Kaffee wächst in den familiären Waldgärten inmitten einer für uns unglaublichen Diversität von Nutzpflanzen. 100 verschiedene Nutzpflanzen auf einem Hektar familiär bewirtschafteter Fläche sind keine Seltenheit. Das Einbringen von Chemikalien ist ein Tabu. Das übermäßige Ausnutzen der Erde ebenso. Es darf nicht mehr entnommen werden als der Erde zugeführt wird. Kreislaufwirtschaft oder Permakultur werden hier schon immer gelebt.
Die Reise nach Ahuano ist immer noch abenteuerlich. Um 6:30 Uhr verließen wir in Begleitung meines Freundes Knut Henkel, einem Jornalisten, der hier in den kommenden 6 Wochen arbeiten wird, in einem klapprigen Dorfbus Tena und fuhren in den Flusshafen Punta Ahuano. Dort stiegen wir ins Kanu um und überquerten den Rio Napo. Am anderen Ufer stiegen wir auf die Ladefläche eines wartenden Taxi-Pickups und ließen uns zur Verarbeitungsstation der Genossenschaft fahren. Hier wurden wir von Jung und Alt freudig begrüßt. Nachdem wir im letzten Jahr bei der Genossenschaft aufgrund dortiger interner organisatorischer Probleme keinen Kaffee kaufen konnten, war mein letzter Besuch schon zwei Jahre her. In diesen zwei Jahren hat es die Genossenschaft infrastrukturell weitere Fortschritte gemacht. Es gibt eine neue Multifunktionshalle im Sporthallengröße und eine riesige Verarbeitungsmaschine für Natural Kaffees. Die Verarbeitungsmaschine wird genutzt, um Kaffee als Dienstleistung ist für den lokalen Markt zu verarbeiten und die große Halle bisher nur für Versammlungen wie unsere heutiges Treffen. Es wurden von vielen Mitgliedern der Kooperative sowie von den anwesenden Repräsentantinnen des Landwirtschaftsministeriums und der NGOs Ansprachen gehalten, die Geschichte unserer 15-jährigen Zusammenarbeit noch einmal zusammengefasst und erklärt und traditionelle Tänze von Kindern und Jugendlichen vorgeführt. Zwischendurch konnten wir uns an einem Tisch stärken, auf dem eine unglaubliche Vielfalt leckerer Produkte aus den Chakras präsentiert wurde. Darunter fünf Früchte, die ich nie zuvor gesehen hatte. Außerdem wurden uns gerösteter weißer Kakao und gegrillte Chontamaden am Spieß serviert. Zu Mittag gab es dann in Bananenblättern gegarten Fisch und Palmherzen. Als Getränk dazu Chicha, in Ecuador ein sehr traditionelles Zeichen der Gastfreundschaft und hier in Ahuano auf Versammlungen und Festen immer noch Alltag. Für die von euch, die es nicht wissen: Chicha ist ein Getränk aus vorgekauter und wieder ausgespuckter Maniokwurzel. Die Enzyme des Speichels wandeln Stärke in Zucker um. So kann die Flüssigkeit fermentieren. Sowohl Konsistenz als auch Aromatik sind für europäische Menschen ziemlich exotisch.
Nach dem Essen kamen wir zum ernsten Teil des Tages. Wir trafen uns mit den Mitgliedern der Kooperative um zu besprechen, was im letzten Jahr schiefgelaufen war und wie eine Zukunft unserer Zusammenarbeit aussehen könnte. Dabei vereinbarten wir eine deutliche Intensivierung der Kommunikation und die Integration von jungen Leuten aus der Kooperative in unsere Kommunikationsstrukturen. Ich ging aus diesen Gesprächen mit der Hoffnung raus, dass es auch in Zukunft wieder Kaffee von Jatari bei uns geben wird. Unser Ziel ist es, Verträge mit kleinen Mengen Kaffee abzuschließen, die dann erweitert werden, sobald sie erfüllt sind.
Glücklich auch diesen Teil es geschafft zu haben, begleiteten uns die Mitglieder wieder zurück in die Halle. Nun waren auch wir mit Tanzen dran. Das dauerte eine Weile, da sämtliche Produzentinnen jeweils mit uns exotischen Gästen tanzen wollten. Der DJ legte dazu Kichwa-Popmusik auf. Zur Stärkung gab es noch mehr Chicha. Nach einem ausgiebigen und emotionalen Abschied traten wir als Beifahrer auf Mopeds, auf der Ladefläche eines Pickups, per Kanu und mit dem klapprigen Bus unseren Rückweg an. Unterwegs besuchten wir noch die Chakra von Juan Andì. Er hat begonnen Vanille anzubauen, sie gedeiht prächtig und dieses Jahr gab es die erste Ernte. Ich bringe ein paar Schoten als Muster mit.
Abends trafen wir uns auf der Terrasse von unserem Hostal noch mit Uli. Er lebt seit 20 Jahren in Tena, ist mit einer Kichwa verheiratet und arbeitet als Berater für Entwicklungshilfeorganisationen und Kakaofirmen hier in der Gegend. Uli ist hier bestens vernetzt und kennt sich hervorragend aus. Insbesondere mit den kleinbäuerlichen Genossenschaften die hier Kakao und Guayusa vermarkten. Es ist ein Wunder, dass wir uns nicht vorher getroffen haben. Umso schöner war es, dass wir uns jetzt endlich kennenlernen konnten. Vielleicht entstehen daraus schöne und spannende neue Projekte.
Tag 8
Neu verliebt
Der Tag begann schon sehr schön. Habe ich euch schon von dem Chakra Markt erzählt? Drei Blocks unterhalb von unserem Hostal gibt es eine neue markthalle, in der ausschließlich Produkte verkauft werden, die in den umliegenden Dörfern in Chakras angebaut werden. Ausschließlich von in Genossenschaften organisierten Frauen. Ausschließlich Produkt aus ihren eigenen Gärten. Zertifiziert nach Chakra Richtlinien angebaut. Ich kaufte eine über fünf Kilo schwere Ananas. In Hamburg kaufe ich, obwohl ich diese Frucht liebe, nie Ananas, weil ich die sozialen und ökologischen Bedingungen ihrer Produktion kenne. Umso schöner ist es hier. Die Bedingungen Stimmen in jeder Beziehung und die Ananas schmeckt auch noch objektiv viel besser. Neben der Säure hat sie, da sie reif geerntet wurde viel mehr Süße.
Nach einem sehr ruhigen Vormittag fuhren wir mit einem Taxi auf den Platz der traditionellen Speisen in der Nachbarstadt Archidona. Auf diesem Platz werden an kleinen Ständen ausschließlich traditionelle Speisen von indigenen Frauen zubereitet. Ich entschied mich für im Bananenblatt auf offenem Feuer gegartes Gartenhühnchen in eigener Brühe. Dazu gegrillte Chonta-Maden am Spieß und viel Guayusa.
An diesem Stand hatten wir uns mit unseren Freund:innen von meiner Lieblingsgenossenschaft Waylla Kuri verabredet. Neben meinem guten Freund und aktuellen Präsidenten der Organisation Augusto Salazar und der jungen unfassbar klugen und schnellen Managerin der Genossenschaft Yessica kamen noch vier weitere sehr junge Leute. Das war das nächste sehr schöne Erlebnis dieses Tages. Ich habe noch nie eine Genossenschaft gesehen, in der die Übergabe der Verantwortung an die ganz junge Generation so gut geklappt hat. Sowohl die Agrartechnikerinnen als auch der ITler sind deutlich unter 25 Jahre jung und top ausgebildet. Alle haben studiert. Ihre Eltern waren teilweise noch Analphabeten. Alle sind Söhne und Töchter von indigenen Kaffeebäuerinnen und Mitgliedern der Genossenschaft.
Nun haben wir also hier nicht nur eine Genossenschaft, die den sozial und ökologisch nachhaltigsten Kaffee anbaut, den ich kenne, sondern auch die Genossenschaft mit den professionellsten Strukturen im Verhältnis zu ihrer Größe. Das ist ungemein motivierend auch nach meinen 30 Jahren Arbeit mit Kaffee. Nach einem solchen Tag weiß ich wieder sehr genau, warum ich vor 17 Jahren Quijote mitgegründet habe. Und warum ich heute immer noch dabei bin.
Sowohl die Arbeit dieser absolut vorbildlichen indigenen Genossenschaft als auch unsere Arbeit als Quijote Kaffee Kollektiv stehen im absoluten Widerspruch zu der ganzen Scheiße die auf der Welt passiert. Sie sind der totale Gegenentwurf zu Ausbeutung, Lügen, Zerstörung, Depression und sonstigem kapitalistischen Unfug. Und hier im Aktuellen und im Konkreten der Gegenentwurf zum Goldbergbau und der Kriminalität. Als ein gelebtes Modell eines Lebens in solidarischer Gemeinschaft innerhalb unserer Gesellschaft und in der Natur.
Wir hatten in den letzten Monaten schon viele gute Nachrichten von Waylla Kuri erhalten und die letzte Ernte hat uns vollends überzeugt. Unsere Kommunikation mit der Genossenschaft ist einzigartig gut und sucht in unserem weltweiten Netzwerk ihresgleichen. Durch gemeinsame Projekte mit Quijote Kaffee und der GiZ hat die Genossenschaft auch infrastrukturell riesige Fortschritte gemacht.
Vor Ort konnten wir uns davon überzeugen. Es gibt nicht nur eine neue. Sehr gute Verarbeitungsmaschine für die Kaffeekirschen, sondern auch sehr große neue Trockenbetten in einem großen Zelt. Darüber hinaus wurde ein System etabliert. Das garantiert, dass jeder eingebrachte Kaffee eines jeden der 351 Mitglieder der Genossenschaft den EUDR Vorschriften entspricht. Die dafür notwendigen Daten wurden von den sechs jungen Verantwortlichen in monatelanger Arbeit eingepflegt. Bei manchen Mitgliedern der kooperative war das ein Aufwand von einem Tag. Manche Mitglieder sind zum Beispiel nur über einen dreistündigen Fußweg erreichbar. Wenn diese Daten nur dafür erhoben würden, um den EUDR Richtlinien zu entsprechen, würde es absurd erscheinen so einen Aufwand zu betreiben. Zum Glück sind die erhobenen Daten, aber auch nützlich für interne Arbeit und für eine perfekte Transparenz uns gegenüber.
Zu der wunderbaren Arbeit von Waylla Kuri werde ich den nächsten Tagen noch sehr viel schreiben. Wir bleiben die gesamte Woche hier in der Gegend und vertiefen unsere Beziehungen.
Morgen haben wir ein gemeinsames Treffen mit der Leitung der GiZ Ecuadors und dem deutschen Botschafter in der Genossenschaft. Wir werden unsere Chancen nutzen und die Idee des Chakra Anbaus bewerben. Die Zusammenarbeit mit der deutschen Entwicklungshilfe und unserer Rösterei hat hier auf jeden Fall sehr gute Früchte getragen und ist ein gutes Beispiel für erfolgreiche Kooperation im Kleinen. Sehr gute Strukturen wurden unterstützt und noch weiter verbessert. So gute Strukturen, dass sie für ein Vorbild für die gesamte Welt sein müssen.
Auf dem Rückweg machten wir noch einen Stopp bei der Kakao Genossenschaft Wiñak. Auch ihre Mitglieder stammen aus den endigenen Gemeinden rundrum. Auch diese Genossenschaft macht vorbildliche Arbeit und organisiert den direkten und fairen Handel mit Kakao, Schokolade und Guayusa. Jedes Mal, wenn ich mit so professionellen Kakao Strukturen zusammentreffe, wünsche ich mir, dass es auch Schokolade von Quijote geben würde. Vielleicht ja mal in 10 Jahren...... Die Kontakte haben wir jedenfalls. Das Konzept wäre das gleiche wie mit unserem Kaffee. Das sehr hochwertige und nachhaltig angebaute Produkt zu teuer, wie möglich einkaufen und so preiswert wie möglich verkaufen. Ohne Zwischenhandel im Einkauf und ohne Zwischenhandel im Verkaufen. Jedes Mal bin ich mir sicher, dass wir auch da mit erfolgreich wären. Weil ich das Gefühl habe, dass wir wissen, was richtig und was gut ist.
Bei allen Treffen am heutigen Tag lag allerdings ein Schatten über unseren Glück. Der Goldbergbau. Viele indigene Gemeinden werden durch diese Herausforderung zerstört. Mit der Zerstörung der Natur durch den Raubbau von Gold lässt sich schnelles Geld verdienen. Dieser Verlockung können auch aus den indigenen Gemeinden einige nicht widerstehen. Das spaltet die Dörfer. Das zerstört die Gesellschaft. Es steht im Widerspruch zu den überlieferten Traditionen der Kooperation mit der Natur und dem Respekt vor der Umwelt. Manche verkaufen ihr Land, manche ihre Arbeitskraft. Wenn nur wenige Wochen die Bagger rollten und Profit im Sinne von ein paar hundert Dollar bringen ist die Natur für hunderte Jahre zerstört. Die Grundlage für das Leben in den Flüssen und das Leben als Mensch an diesen Flüssen ist unwiderruflich dahin.
Umso wichtiger ist es, dass wir uns große Mühe geben, die Zusammenarbeit mit unseren wundervollen. Partnergenossenschaften auszubauen. Die Produktion in der Chakra ist eine Alternative. Nicht nur für hier und Jetzt am Napo, sondern als Vorbild für uns alle.
Tag 8
Zweiter Teil
Abends: Verbrechen und Katastrophen
Am Abend begleitete ich Knut noch zu seiner Verabredung mit dem Sprecher des großen Umweltschutzkollektives "Napo Ama La Vida", Pepe Moreno. Dieser Mann ist eine zweibeinige Enzyklopädie der Umweltverbrechen in diesem Land. Knut machte ein Interview und ich hörte zu.
Schwerpunkt des Interviews waren die Auswirkungen des Goldbergbaus in den hiesigen Flüssen.
Ein Beispiel: seit dem zweiten Februar gilt ein Moratorium im gesamten Bezirk Napo. Es wurde – oh Wunder - offiziell festgestellt, dass die Flüsse vergiftet sind und weitere Ausbeutung per sofort einzustellen ist. Das Gesetz verpflichtet in diesem Fall die Verursacher zur Wiedergutmachung und Renaturierung. Dies ist selbstverständlich unmöglich. Die Schäden sind viel zu groß. Und die Regierung hat auch gar keinen Plan dafür.
Was nun passierte, war folgendes:
Alle Bergbauunternehmen verließen fluchtartig die Provinz Napo. Und sie nahmen ihre Maschinen mit, um sie im Süden Ecuadors weiterhin in gleicher Art und Weise in Provinzen einzusetzen, in denen es kein Moratorium gibt. Niemand wurde aufgehalten, um zur Rechenschaft gezogen zu werden. Menschen und Material konnten ungehindert passieren und entkommen. Die Frage wie das kommt, ist ganz einfach zu beantworten: die verantwortlichen Autoritäten und Politiker sind alle in die kriminellen Machenschaften verstrickt. Und dafür haben die Verbrecher Beweise, die Bestechungen sind auf Video und Audiodateien dokumentiert. Wenn es also zu einer Strafverfolgung kommen würde, würden die Verbrecher auspacken und alle verantwortlichen Politiker und Autoritäten mit hinhängen. Und es sind Politiker aller regierenden Parteien betroffen. Einerseits finanzieren sie durch Bestechung ihren Wahlkampf und andererseits ist es doch angenehm, ordentlich Geld zu kassieren.
Tag 9
Erster Teil:
Es gibt definitiv noch Hoffnung für diese Welt: Die weibliche indigene Garde Yuturi Warmi
In den letzten Tagen habe ich euch regelmäßig berichtet, welche Verheerungen der Goldbergbau hier in den Amazonastälern anrichtet. Mein heutiger Tag begann mit einem Besuch bei den Protagonistinnen, die bewiesen haben, wie dieser Bergbau zu verhindern ist.
Im Jahr 2020 bemerkten die Frauen des Dorfes Serena, dass die soziale und ökologische Verwüstung der Nachbardörfer als nächstes ihr Dorf erfassen würde. Flussabwärts waren die Bewohner:innen sämtlicher Dörfer miteinander zerstritten und die Umwelt zerstört. Entweder würde diese Zerstörung auch ihr 160 EinwohnerInnen zählendes Dorf erfassen (inklusive Prostitution, Alkoholismus und Gewalt wie Sie es in den Nachbardörfern beobachten konnten) oder sie mussten etwas tun. Also beschlossen die Frauen des Dorfes - entgegen dem Widerstand der meisten Männer - auf einer Vollversammlung endlich aktiv zu werden und sich den verbrecherischen Minenbetreibern entgegenzustellen. Sie installierten ein Alarmsystem, bewaffneten sich symbolisch mit Lanzen und patrouillierten Tag und Nacht. Sie verweigerten jeder fremden und verdächtigen Person den Zugang zu ihrer Gemeinde. Sie ließen sich weder durch Gewaltandrohungen einschüchtern noch durch Bestechungsversuche kaufen. Die Frauen wuchsen durch diese Erfahrungen über sich hinaus und überzeugten mit der Zeit auch ihre Männer, gegen die Verbrecher aktiv zu werden. Eigentlich führten sie ganz nebenbei auch Matriarchat ein. 35 Frauen des 160 Einwohner:innen zählenden Dorfes Serena wurden so in den letzten Jahren zum Symbol und Beispiel des erfolgreichen Widerstandes gegen Goldbergbau.
Glaubt mir: Die Begegnung mit solchen Menschen ist jede Strapaze und jede schlaflose Nacht Wert, die ich in den letzten Jahren mit meinen Reisen nach Ecuador auf mich genommen habe. Die 35 Frauen, denen ich heute begegnet bin, zeigen sofort, was für ein wundervoller Ort die Welt sein könnte, wenn wir nur wollen würden und uns gemeinsam und solidarisch für das offensichtliche Richtige einsetzen würden. Es ist so einfach zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, wenn wir nur in uns gehen. Wenn wir dann Gleichgesinnte finden und konsequent an unseren idealen festhalten, ist es möglich die Welt zu verändern.
Die Geschichte dieser Frauen und ihres Dorfes ist bis hierhin schon so schön, dass ich überhaupt nicht verstanden habe, weswegen sie nicht auch in Deutschland schon vielfach erzählt wurde.
Aber sie geht noch weiter und wird noch besser: die Bewohner:innen des Dorfes Serena befinden sich mittlerweile in Gesellschaft von sechs weiteren Dörfern. Sie streben einen kollektiven Landtitel für ihr gesamtes Territorium an. Das heißt, dass sie auf ihr individuelles Eigentum an Land verzichten würden zugunsten des kollektiven Besitzes. Dies würde es auch in der Zukunft verhindern, dass einzelne Personen, die eventuell in die Notlage kommen, ihr Grundstück verkaufen zu müssen, dieses an die verbrecherischen Bergbauunternehmer verramschen.
Wenn ihr von mir in der Zukunft über Neuigkeiten zu den Frauen von Serena auf dem Laufenden gehalten werden möchtet oder die Frauen in irgendeiner Form (gerne auch finanziell oder durch Publikationen) unterstützen möchtet, schreibt mir bitte eine Mail an pingo@quijote-kaffee.de
Tag 9
Zweiter Teil: wichtiger Besuch
Ich kam mit einem Taxi gerade noch rechtzeitig zurück zum Hostal, um den Fahrer der Deutschen Zusammenarbeit zu treffen, der mich abholen und ins Gebiet der PKR fahren sollte. Bei Waylla Kuri stand heute nämlich hoher Besuch an. Sowohl der deutsche Botschafter als auch die Leitungsgruppe der Deutschen Zusammenarbeit wollten sich vor Ort sowohl ein Bild des Systems der Chakras im Allgemeinen machen als auch im Konkreten die Arbeit von Waylla Kuri anschauen.
Die Deutsche Zusammenarbeit und die GiZ haben unsere Partnergenossenschaft sowohl bei der Georeferenzierung der 351 Mitglieder als auch bei der Etablierung einer Software zur Nachvollziehbarkeit der Wege des Kaffees geholfen. Diese Schritte waren notwendig, um den Kaffee auch in Zukunft im Falle des Inkrafttretens der europäischen Verordnung gegen die Entwaldung EUDR nach Europa importieren zu können.
Außerdem wurde dabei geholfen die Kapazität der Trocknungsbetten zu erhöhen und eine Entpulpungsmaschine zu finanzieren. Ich empfinde diese Maßnahmen als äußerst präzise und zielgerichtet und freue mich sehr, dass deutsche Steuergelder für so etwas Sinnvolles verwendet wurden. Waylla Kuri ist aufgrund der herausragend guten Arbeit von ihrem Präsidenten Augusto Salazar und der Gruppe der jungen Mitarbeiter:innen um Huascar und Yessica zu meiner Lieblingspartnerkooperative von Quijote geworden. Die Fortschritte, die sie gemacht haben, sind absolut beeindruckend. Die Kaffeequalität ist hervorragend und es ist ihnen gelungen, ein sehr starkes Team aufzubauen, dass eine gute Zukunft für dieses Projekt garantiert.
Nach einem herausragend guten vegetarischen Mittagessen, in einem vom PKR betriebenen Restaurant (Creme-Suppe aus weißem Kakao, Antipasti mit unter anderem frischem Palmherz, jungen Farntrieben und Taro-Knolle) machte sich unsere gesamte Gruppe um den deutschen Botschafter auf den Weg in eine Chakra.
Wir verbrachten tatsächlich viele Stunden gemeinsam in der Chakra und im Verarbeitungszentrum von Waylla Kuri. Es hat mich sehr gefreut, dass das Thema Chakra und die Organisierung in indigenen Genossenschaften offensichtlich auch für die Repräsentanz Deutschlands in Ecuador ein wichtiges Thema sind. Insbesondere, da ich ansonsten auf die deutsche Politik ja nicht sehr gut zu sprechen bin.
Nachmittags zurück in Tena trafen wir uns noch auf einen kleinen Snack mit meiner Freundin Fatima. Fatima betreute in den letzten Jahren einige unserer Partnerkooperativen in sehr professioneller und respektvoller Weise im Rahmen der Arbeit der sehr engagierten ecuadorianischen fairtrade Organisation Maquita. In diesem Gespräch konnte ich etliche meiner Eindrücke aus den letzten Tagen bestätigt bekommen und einige Ideen für die Zukunft schärfen.
Und ich freue mich auf den kommenden Freitag. Dann beginnt in Archidona ein großes Stadtfest. In diesem Rahmen arbeitet Fatima bei einem Wettbewerb, mit der die besten und biodiversesten Chakras des Landkreises prämieren und ihre Produkte präsentieren soll.
Tag 10
Alto Huino und alte Bekannte
Nach meinem täglichen Besuch auf dem Chakra-Markt und dem tägichen aus den frischen Produkten gemachten Fruchtsaft-Frühstück wurden wr von den GiZ Kolleginnen Ute und Gabi abgeholt mit einem komfortablen Toyota abgeholt. Wir wollten nach war Alto Huino, Sitz einer kleinen Genossenschaft, von der wir früher schon über die inzwischen de facto verschwundene Kooperative ASOSUMACO importiert haben.
Unser Ziel lag eine halbe Stunde Feldweg hinter Loreto, wir hatten also knapp über drei Stunden Fahrt vor uns. Wir nutzen diese Zeit, um uns über Ideen auszutauschen, in welchen Bereichen wir vielleicht weiterhin kooperieren könnten.
Vor Ort angekommen, erwarteten uns einige VertreterInnen in der Gruppe. Wir machten uns in einer Gluthitze auf dem Weg und besichtigten mehrere Chakras. Dass diese sehr professionell aussahen überraschte mich nicht, da die Mitglieder der Kooperative von meinem alten Freund Robinson, der dann auch zu uns stieß, beraten werden. Sehr erfreulich war, dass wir bei uns der Wanderung zwischen den Chakras einen größeren Fluss zu Fuß durchqueren mussten. Das war eine sehr willkommene Erfrischung.
Die meisten Mitglieder der Gruppe hier sind jung. So ist es auch kein Wunder, dass sie auch hier mit Hilfe von Robinson vor Ort alle Grundbedingungen erfüllt haben, um ihren Kaffee EUDR gerecht sowohl auf Papier als auch digital zu dokumentieren.
Es war sehr gut diesen weiten Weg auf uns genommen zu haben. Alles sah sehr professionell aus und es ist eine sehr gute Idee, diese externe Gruppe in den Export über Waylla Kuri zu integrieren. Einerseits ist das guter Kaffee und andererseits fördert dieses Engagement die Zusammenarbeit.
Aufgrund des sehr starken Verkehrs brauchten wir für unseren Rückweg sogar vier Stunden. Abends setzten sich Knut, Lukas und ich noch an einen Volleyplatz, schauten den Spielen zu und aßen Käsetortillas.
Tag 11
Tief eintauchen
Für heute hatten wir uns mit dem gesamten Team von Waylla Kuri verabredet um tiefer in das selbstverwaltete Gebiet des Volkes der Kichwa von Rukullakta hineinzufahren und hineinzulaufen. Tiefer als ich es jemals zuvor gemacht habe.
Uns erwarteten zu einem Frühstück im Dorf Rukullakta der Präsident Augusto sowie die Techniker:innen Erika, Natalya, Christofer, Huascar und Yessica. Außerdem noch Jaime, Agrarwissenschaftler und Besitzer einer sehr entlegenen Chakra.
Ein Fahrer der Genossenschaft brachte uns in einer 90 minütigen Fahrt über Feldwege ins südöstliche Gebiet des selbstverwalteten Territoriums.
Von dort aus ging es dann zu Fuß durch Sekundärwald weiter. Für mich ist dieser Sekundärwald, außer durch die geringere Zahl sehr großer Bäume und dem Vorhandensein von verwilderten Kulturpflanzen wie Kaffee oder Kakao nicht von Primärwald unterscheidbar. Er ist also beeindruckend für alle Sinne.
Es ist erstaunlich, wie schon drei Kilometer tief im Wald hinter der letzten Siedlung die Vielfalt an Leben zunimmt. Wir sahen Tukan-Schwärme, Papageienvogelschwärme, einen Königsgeier. Und wenn du dann über einen Dschungelpfad durchs tiefe Dickicht läufst, merkst du erst beim ersten Kaffeebusch, dass du auf einer Chakra angekommen bist. Diese weit entfernten Chakras sind eine häufige Realität. Die Produkte müssen über einen stundenlangen Fußmarsch durch den Dschungel getragen werden.
Die Chakras von Jaime und den Familien von seinen Brüdern und seinen Nachbar:innen sind die größten und artenreichsten, die ich je gesehen habe. Deutlich über 50 verschiedenen Nutzpflanzenarten, mindestens noch mal so viele Medizinalpflanzen. wachsen hier im Wald“garten“. Und auch an den Orten hier im Wald, an denen diese Pflanzen in mal wie Kaffee oder Kakao in höherer Dichte angebaut werden, übernimmt der Dschungel sehr schnell wieder die Überhand.
Einen naturnäheren Anbau von Kaffee gibt es nicht. Und um es deutlich zu sagen: die Organisationsstruktur der Leute vor Ort als "Volk" mit eigenen Nachhaltigkeitsregeln, die kollektive Besitzstruktur des Landes und der Anbau in Chakras bewirken, dass der Kaffeeanbau hier der Natur deutlich mehr nützt als schadet. Jedes alternative Wirtschaften der Menschen hier würde mehr Ressourcen verbrauchen. Wenn ihr also Kaffee trinken möchtet: am besten diesen Kaffee :wink:
Im Haus von Jaimes Familie inmitten der Chakra bekamen wir ein sehr gutes Mittagessen aus selbst angebauten Dingen. Die heute zentrale Zutat war Palmherz von der Chonta-Palme. Jaime und seine Familie und Nachbar:innen führten uns herum und zeigten uns zig Medizinalpflanzen und erklärten uns ihre Wirkung. Wir bekamen selbstgebrannte Ansatz-Schnäpse verschiedenster Art zum Probieren. Wir liefen an verschiedenen Wasserfällen und Dschungelriesen vorbei zum schönsten Wasserfall der Chakra. Hier konnten wir in traumhafter Kulisse duschen und baden.
Die gesamte Zeit über tauschten wir uns mit den Mitgliedern der Genossenschaft aus und diskutierten auch über private Dinge. Ich habe das Gefühl, dass wir uns hier mittlerweile ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut haben.
Auf dem Rückweg, wir hatten aufgrund des tiefschlammigen Bodens Gummistiefel an und es ging stetig bergauf, ermüdeten zwar unsere Beine und Füße langsam, also Köpfe aber waren voller Aufmerksamkeit aufgrund der Schönheit der Natur und aufgrund unserer lieben Begleitung.
Auf dem Rückweg mit dem Auto macht mir noch einmal halt an einem glasklaren Dschungelfluss. Einem der wenigen, der noch nicht verseucht und immer noch voller Leben ist. Direkt am Ufer beginnt der Dschungel, der Fluss ist voller Fische, die Umgebung ist immer noch voller Wildtiere und voller Vögel. Völlig verschwitzt und schlammig erfreuten wir uns noch einmal an einem Bad.
Wie ihr merkt, bringt diese Reise viele schöne Momente für mich mit sich. Das ist kein Zufall, denn ich habe diese Reise so geplant. Ecuador ist so voller Verbrechen und voller Gräuel gegen Menschen und Natur, dass ich versuche diese zu umgehen und den Fokus auf das Schöne und das Gute zu legen. Sonst könnte ich diese Reisen auch nicht mehr machen.
So aber versuche ich unser sehr intensives Engagement als Quijote Kaffee Kollektiv und die mich sehr fordernde Reise, soweit es geht, mit angenehmen Dingen und motivierenden Begegnungen mit guten Menschen zu verbinden.
Ich hoffe, dass ihr mir dies gönnen könnt. Im Gegenzug sorge ich auch mit dafür, dass ihr auch in Zukunft von Quijote den besten Kaffee bekommen werdet den ich kenne.
Robusta von Waylla Kuri. Bei uns erhältlich als Cremaconda.